Wenn die F4F-Tochter dem Vater das neue Auto vermiest

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin.

Thomas kommt, nein stürmt, rast förmlich rein, bevor er noch die Maske vom Mund und Nase reißt donnert er den Autoschlüssel, heute eher die Fernbedienung, auf den Tisch. Eine Bierpfütze muss er nicht fürchten, Zenzi wischt unablässig erst den Tresen, dann alle Tische. Coronazeit.

Männer tun das, den Autoschlüssel auf den Tisch legen, so, dass ihn alle sehen. Das machen sie schon lange. Erst nur den Autoschlüssel. Dann schlich sich das Handy dazu. Dann legten die Erfolgreichen zwei auf den Tisch. Sie müssen ja für die Vollpfosten aus der Firma immer erreichbar zu sein, weil die es mal wieder alleine nicht gebacken bekommen.

Und dann obenauf den Autoschlüssel, natürlich nur wenn da die entsprechende Marke prangt. Also älteres Skodamodell eher nicht, Audi, BMW, Mercedes, immer gerne. Heute toppt Tesla alles.

Hat aber keiner von uns.

Thomas jedenfalls legt den neuen Audi auf den Tisch.  Und stöhnt erstmal: „Mannmannmann.“ Muss man wohl, wenn man eine neues Auto hat. Kein Spass, das.

„Neues Auto?“ frage ich.

„Jajaja, muss ja, alle zwei Jahre, geht ja gar nicht anders.“ Hmm, denke ich muss ja? Thomas verdient ein Schweinegeld, da muss man das vielleicht machen.

„Audi A6 ….“ sagt er, souverän,  „….  kostet fast 60 ..:“.  Pause, Pause. „…. ohne Extras.“

„Ah“, sage ich, „was sind die Extras?“ Ich kann das fragen, mein Glas Bier ist frisch auf den sauberen Tisch gestellt, das Handy aus, ich habe jetzt Zeit. „ …connected Car…“ dringt an mein Ohr, „ … Mulitmediasystem im Abo, mit Anschlüssen an Spotify oder eben dem Dienst, der den Wunschsong besitzt…“

„… also CD Wechsler…“ werfe ich ein, und werde mit einem Blick bedacht, der sogar die chinesische Polizei in Hongkong zum Stehen bringen könnte.

Zu „ …. Parkautomatik,  Head-up Display aus der Militärtechnik ..:“ sage ich besser nichts mehr sondern nicke und werde wieder aufmerksam bei „… einfach in einem inspiriertem Design.“  Von Ps (oder KW, wie das heute heißt) ist schon lange nicht mehr die Rede. Auch der Satz „vonNullaufHundertinSiebenSekunden“ fällt nur noch in antiquarischen Quartetts.

Jetzt ist mein Bier leer. Ich bestelle neues.

„Geht auf mich“, ruft Thomas; ‚Immerhin‘ denke ich, nicht nachtragend.

Günther ist dazu gekommen, und hat nur die letzten Worte mitbekommen. Günter hat drei Kinder, lehnt Neuwagen ab („… der ist nach jedem Einsteigen der Familie 2000 Euro weniger wert…“), wollte aber dennoch einen neuen. Einmal im Leben einen neuen! Aber ohne Extras, die gingen nur immer kaputt und lenken vom puren Fahrvergnügen ab, sagt er.

Das galt, bis der örtliche Autohändler zögernd alle „ohne“-Sonderwünsche entgegennahm, in seinen Computer eingab. Der Rechner rechnete, und spuckte eine Wahnsinns-Wartezeit aus. Der Händler entschuldigte sich, weil „ … Ihr Auto … das muss erst gebaut werden, verstehen Sie? So ohne alles…“

„Wie er das betont hat“, mokierte sich Günther, „wir haben dann doch den Gebrauchten vom Hof genommen“, als er Zenzi das Bier abnimmt und sich setzt. Autoschlüssel in der Tasche, er fährt einen Opel, das weiß ich.

„Und die Steuer?“ ruft Martin, „die Versicherung, Haftpflicht, Vollkasko, da denkt beim Kauf wieder keiner dran!“  Martin trinkt Mineralwasser, fast immer, auch heute. Ohne Kohlensäure. Er nimmt einen Schluck, dann gehts weiter: „…und die laufenden Kosten! An die laufenden Kosten denkt auch keiner!?.“ Martin nimmt wieder einen Schluck von seinem frischen Mineralwasser. Das sagt alles über sein Verhältnis zum Genuss und zur Lust als solcher.

Thomas schaut ihn kurz an. Schiebt die Fernbedienung in Martins Richtung. Sagt: „Mal fahren?“

„Für den Preis“, sagt  Richard, „hättest du locker drei  Spider bekommen,  die Haare im Wind, die Frau glücklich an der Riveria…“

Thomas lächelt. Aber nur kurz: Dann wird er ernst, ungemütlich geradezu: „Sehr lustig, wie soll ich denn in den reinkommen? Oder wieder rauskommen?“

„Stimmt“, sagt Richard, daher gebe es nur so wenige Sportwagen: Die Jungen könnten ein- und aussteigen, die Alten ihn bezahlen, zusammen geht es selten. Die wenigen gönnen sich zum Sportwagen gleich das getunte Frauenmodell dazu. „Männer zeigen mit einem Sportwagen weniger wie reich sie sind, sondern, dass sie es noch bringen, in allen Lagen…“ sagt Richard süffisant.

Die Tür geht auf, eine Gruppe junger Menschen drängt herein, die hinten schieben, die vorne bremsen, richtig wohl scheint keinem der Gruppe. Junge Frauen sind dabei, noch zu jung, um im Cabrio Platz zu nehmen, die Männer haben die Waden der Fahrradkuriere.

Kaum sind sie drinnen versuchen sie ein Transparent im engen Raum zu entfalten, eher erfolglos. Einer aus der Mitte der Gruppe zückt ein Blatt Papier und Stift, die dritte der Gruppe, ich glaube, es ist Thomas älteste Tochter, räuspert sich, und fiept tapfer den entgeisterten Gästen der Zünftigen Wirtin entgegen: „Wir sind von ‚Fridays for Future‘. Wir sammeln Unterschritten für weniger Parkplätze zugunsten einer Pop-Up Lane in unserer Straße und einem generellem Tempolimit auf den Autobahnen. Bitte unterschreiben Sie für unseren Zukunft.“

Thomas starrt auf seine Tochter.

Seine Hand wandert langsam zum Tisch, zum Handystapel, zur Fernbedienung, greift sie und lässt sie in der Tasche verschwinden.

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