Erhabenes Agavengrün? Dynamisches Platingrau? Männer kennen vor allem Dunkles und Helles

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin, schön distanziert, verteilt im kleinen, gut gelüftetem Raum. Heute sind Martin, Jürgen und Thomas da, wir haben zwei Gruppen gebildet. Die Gruppe ‚blau‘ kommt Montag, Mittwoch, Freitag, ‚rot‘ Dienstag, Donnerstag, Samstag. Sonntag ist Ruhe.

Zenzi läuft ab und an vorbei, es ist ja nicht so viel zu tun.  Martin hat bräunliche Flecken an den Fingern, das sehe ich sogar vom über drei Meter (wir sind vorsichtig – niemand will sein Bier aus dem Infusionsschlauch trinken) entfernten Platz: Was ist das bloß?

Das frag ich ihn: „Was ist das für Farbe an deinen Fingern?! Dokumenten-echte Tinte für den Notar, der dir den Kauf des Oldtimers dokumentiert hat?“

„Ha!“ sagt Martin, „wenn es das nur wäre: Viel schlimmer. Ich musste den Flur streichen.“

Ein Murmeln geht durch die Runde, jeder ahnt, was das bedeutet. Farbe aussuchen. Genaugenommen beim Aussuchen der Farbe der Frau sekundieren.

Jürgen weiß, wovon er spricht. „Neulich musste ich die Frau in den Baumarkt fahren. Da musste ich schon darum kämpfen den Parkplatz aussuchen zu dürfen. Und wie Richard, mein spezieller Verkäufer, geguckt hat, als ich mit meiner Frau in die Farbabteilung gegangen bin.“ Jürgen schüttelt sich, als er daran denkt wie Richard gleich kichernd verschwunden sei, und Minuten später die Durchsage durch die Hallen klang: „15 an alle: Bitte 44 in die Farbabteilung.“

Ogott, denke ich, jeder weiß, das die ‚44‘ der Code für drohenden Streit zwischen Ehepartner ist. Nach dieser Durchsage kommt bestenfalls der Markt-Psychologe und stellt sich unauffällig in die Gegend, um im Krisenfall deeskalierend intervenieren zu können. Oder alle Verkäufer räumen schlagartig die Farbregale neu ein, und amüsieren sich über den gedemütigten Ehemann.

Zuckersüß sagt die Frau nämlich: „Was stellst du dir denn vor …?“ und ohne wirklich eine Antwort abzuwarten „… ich hätte ja gern so ein lindgrün“.  Jürgen war, sagt er, tapfer, er nahm eine Farbdose aus dem Regal, die ihn ansprach und las laut den Namen ‚Dynamisches Platin Grau‘ ab, „Das könnte ich mir vorstellen.“ Ein kurzer Blick der Angetrauten, dann, sehr akzentuiert: „Wenn. Dann. Schon das ‚Zeitlose Vulkangrau‘. Aber schau hier … ‚Kakteenlaune‘, das ist doch so ähnlich wie lindgrün.“

Perfide, finde ich, denn jeder weiß, dass Männer nur volle Farben sehen. Grün. Grau. Rot. Rot vor allem. Aber auch Blau. Keinesfalls aber den Unterscheid zwischen ‚Dynamischem Platingrau‘ und diesem ‚Vulkangrau‘ erkennen. Oder ‚Lindgrün‘ vs ‚Kakteenlaune‘. Schließlich ist Weißbier auch nicht weiß, sondern eher gelb. Oben, oben vielleicht die weiße Schaumkrone. Aber sonst gelb.

Überhaupt: Seit wann ist ein Vulkan grau?

Jürgen, erzählt er weiter, habe noch einen Versuch unternommen und ‚Zarter Pfirsich‘ gerufen. Da schob sich der Psychologe etwas näher an sie heran, die Verkäufer bildeten fast einen Ring, und der Mann des Pärchens neben ihm – ebenfalls in den Wahlwahn vertieft –  schnippte mit den Fingern der Rechten, und zollte so ehrfurchtsvoll seinen Respekt wie sonst nur beim Billard. Mit der Linken zeigte er gerade seiner Frau den Daumenhoch, weil sie sich eine Farbdose ‚erhabenes Agavengrün‘ verführerisch vor die Brust hielt. Jürgens Frau dagegen giftet: „Pfirsich? Willst du mich verarschen? Soll das einen Anspielung auf meine Haut sein???“.

Der Psychologe kam auf sie zu und schlug vor, sich die schöne Auswahl an möglichen Farben, die alle sehr prächtig seien, doch am besten gemeinsam zu Hause an der Wahlwand zu testen, das Benzin spendiere der Baumarkt (Kein Wunder bei den Benzinpreisen – besser 5 Euro verschenken als einen weiteren Streit an der Farbtheke, der einen Flächenstreit im gesamten Baumarkt auslöst). Sanft drängte er das Paar aus dem Markt, den einen Arm andeutungsweise um die Frau gelegt, der andere wies dezentdeutlich auf den Ausgang.

Später, erzählte Jürgen, habe Baummarktverkäufer Richard gesagt- die beiden verbindet ja schon ein jahrelanges Vertrauensverhältnis – der Psychologe erstmal eine Gehaltserhöhung verlangt.

Martin jedenfalls durfte sich freiwillig für ‚Mandel-Cappuccino-Creme‘ entscheiden. Diese, praktisch von ihm selbst ausgesuchte Farbe, durfte er noch am gleichen Tag an die Wand streichen.

Martin hat sich das Bier unter Freunden wirklich verdient.

Zenzi, die wie so oft alles mit angehört hat, stellt ihm ein frisches Bier auf den Tisch: Schöne Schaumkrone, Glas leicht beschlagen, innen sieht man die Gasbläschen aufsteigen. Martin hatte es bestellt: Ein Helles. Alternativ ein Dunkles.

Diese Nuancen kennen Männer.

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