Wenn die Digitalisierung ausgedruckt wird

Wir gehen spazieren. Das ist dem Social Distancing geschuldet, normalerweise säßen wir natürlich in der Zünftigen Wirtin. Geht aber nicht. Außerdem, erklärt Jürgen, wenn man den ganzen Tag mit der Familie zusammensitze, und dann beim Abendessen die Halbwüchsigen schnatterten, und die Frau schweigt, dann sei es auch mal Zeit eine Runde zu drehen: „Das ist für alle gut. Für die Kinder, für die Frau, für mich.“

Ich nicke Jürgen wissend zu.

Jürgen sagt, vor lauter Telefonkonferenzen mit Video sei er schon ganz komisch im Kopf. Bei einigen könne er nur zuhören und klicke ein bisschen im Internet rum; sicher, das mache es anstrengend, weil rumklicken und im steten Fluss des Geschwafels der anderen auf Stichwörter hören … puhhh … so stelle er sich vor die Arbeit der Abhörspezialisten des Verfassungsschutz vor. Immer im Dämmerschlaf bis einer „Umsturz“ murmelt oder „Bombe“. Dann aber 1000 Prozent Aufmerksamkeit! 1000 Prozent!

„Diese Telkos, das ist die Digitalisierung“, sage ich, daher können wir zu Hause bleiben und müssten weder in die Ubahn, dank der schlechten Belüftung in den Tunneln quasi der Tiermarkt von Wuhan innerhalb des ÖPNV, noch in die Büros, keine Virenhände schütteln, verseuchte Türklinken berühren, oder die durchseuchte Luft atmen, die den Rachen des brüllenden Chefs verlässt.

Jürgen nickt wissend: „Das ist jetzt ja überall, ich weiß schon. Neulich habe ich mich sogar digital für das Jubi-Vater-Kind-Wochenende angemeldet …. …also  …. halb  … digital,  … quasi Digitaldruck.“

Jaaaa… das 20ste Vater-Kind-Wochenende. Die begannen vor vielen Jahren mit einem Erzieher im Kindergarten, der vorschlug, man könnte doch zusammen – also ohne Mütter – mal mit der Bahn in ein Familienhotel fahren und … und… naja, dahin fahren eben. Und dann mal sehen.

Das taten wir.

Das war gut: Die Kinder hatten ein Wochenende lang eine Riesengaudi, die Väter konnten in Ruhe mal ein Bier trinken über die wirklich wichtigen Dinge diskutieren, die Frauen genossen ein Wochenende Freiheit. Alle waren zufrieden.

Win-Win-Win.

Nur die Pendler nicht. Am Freitag-Abend nach der harten Woche im Finanzamt im Zug keinen Sitzplatz bekommen, und dafür von 20 grölenden und kreischenden Kindergarten-Kindern umringt zu sein ist keine Freude. Nicht einmal für die Väter.

Seisdrum. Wir machen das inzwischen zwei Mal im Jahr. Nun also das 20ste Mal.

„Wie Digitaldruck?!“ frage ich. Naja, sagt Jürgen, auf der Web-Site des Familienhotels sei ein Formular, das habe er runtergeladen, ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben, wieder eingescannt, hingemailt.

„Gut“, sage ich, so geht so was ja auch, und denke an die elektronischen Akten im Büro. Alles papierlos.

„Stunden später bekam ich ein Mail: Ich solle doch bitte das Online-Formular auf der Website zu verwenden.“

„Ah“ sage ich, „immerhin wollen sie es ganz digital“.

„Dann müssen sie das Formular nicht zum Download anbieten, oder? Jedenfalls hab ich nun also alles online ausgefüllt und wieder abgeschickt.“

„Gut, dann ist es ja erledigt?“

„Nein, zwei Tage später war ein Brief im Kasten. Dreifache Bestätigung, alle handsigniert, ich musste ebenfalls eine unterzeichnen, wieder eintüten und mit der Post zurück schicken.“

„Hmm“ sage ich, „das ist Digitaldruck.“

Wir werden die fortschreitende Digitalisierung auf dem xtrem-Stammtisch auf dem Juniläums-Vater-Kind-Wochenende diskutieren, ausgiebig.

Analog.

2 Gedanken zu „Wenn die Digitalisierung ausgedruckt wird

  1. Lieber Roman,

    ich kommentiere jetzt immer gleich, wenn ich gelesen habe. Aber so einfach ist das nicht mit dem Kommentar: gefällt mir. „Gefällt mir“ ist vielleicht ein bißchen so, wie viele Grüße aus dem Urlaub. Also weiter: typisch Deine Handschrift. Warum?
    1. Zwei Stränge: (Vater-Kind-Wochenende und Digitalisierung/ bzw. Digidruckisierung oder Digipostisierung)
    2, Du beobachtest etwas mit Deinem amüsierten Romanblick, am besten etwas allen alltäglich Vertrautes, das aber irgendwie etwas Absurdes hat, aber so menschlich ist und machst eine Story draus, (Digitales Formular muss erst wirklich digital sein und dann wird es dreifach mit der Post geschickt)
    3.natürlich im Gespräch mit Deinen Kumpels, die sich gemeinsam einer Thematik in der Seelenruhe einer (Bier)Runde bei der zünftigen Wirtin (oder wenigstens in der Gewissheit, dass diese Runde jetzt eigentlich bei der zünftigen Wirtin über das Leben nachdenken würde) nähern und sich an die Pointe herantrinken
    4. Die Romanalogien: das muss man erst mal sehen oder im Gehirn verschalten: U-Bahn-Schacht/ Tiermarkt von Wuhan: da kannst nur Du drauf kommen. Wann kommst Du auf sowas? In der U-Bahn?
    5. Die Tarzanthematik schwingt immer mit, mal mehr mal weniger: Tarzan. Jane. Tarzans Tochter. (win-win-win) (Vielleicht zufällig, aber die Wortwahl erinnert auch an den Viehmarkt von Wuhan)
    6. Biertrinken ist irgendwie wichtig. Führt vielleicht das richtige Maß an Maßen zu solchen Romanologien? Die richtige Menge Bier, in der richtigen Zeit, nicht zu viel, aber keinesfalls zu wenig? So dass quasi die Zunge im Hirn so gelöst ist, dass es von selbst anfängt zu denken, was es lustig oder erwähnenswert oder widersprüchlich genug findet? Und Du bist gerade nicht betrunken genug, um daraus eine Story zu machen? Ist die Kunst, den Alkoholpegel genau auf dem Level zu halten, auf dem Denken noch möglich ist, völlige Entspannung einsetzt und alles nicht so Bier-ernst, oder besser Wasser-ernst, sondern amüsiert wahrgenommen wird?
    Wahrscheinlich geht das nur in Bayern.
    Wahrscheinlich auch nur bei der zünftigen Wirtin.

    So, auf geht´s. Ich mach mir noch eins auf. Normal trinke ich höchstens 0,3 l Bier am Tag – es sei denn ich habe Bier-freien Tag.
    Heute trinke ich 0,6 l Bier.
    So leben wir hier in Nordhessen.
    Also, ich finde es schön, meinen Bruder in diesen Texten zu finden.

    Dein Christian

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