Corona-Segen: Keine Pausenbrote

Wir saßen in Nics Keller.

Wir sitzen da ab und an. Männer haben ja heute nicht mehr so viele Refugien. Das Wohnzimmer ist fest in der Hand der Frauen, die Kinderzimmer sowieso tabu, Kneipen und Kaschemmen nicht mehr so verfügbar. Also hat Nic in seinem Keller eine Werkstatt eingerichtet, mit allem: Werkbank, Werkzeug-Wand mit aufgemalten Silhouetten, Heizlüfter für den Winter, eine echte alte Stereoanlage mit Cassetten-Deck, zwei Poster (höhöhö), zwei Barhocker, so Sachen.

Wir sitzen da ab und an, und arbeiten an unserem Projekt. Gelegentlich schlägt einer von uns mit dem Hammer auf die Werkbank, zwei Mal innerhalb von 15 Minuten läuft die Bohrmaschine. Oben im Wohnzimmer klingt das emsig.

Nic ist heute nicht so gesprächig. Ich spüre, das etwas in ihm arbeitet. Etwas anderes als unser Projekt.

Ich warte. Männer können das. Warten, bis der andere soweit ist, und dann eine Sorge ausschütten.

Hammerschlag. Bohrmaschine auf 5000 Umdrehungen.

Ich: „Wusstest Du, dass Elvis 2015 eine Nummer 1 Hit hatte? Da war er 35 Jahre tot!“

„38 Jahre!“

Nic starrt in sein Handy, das er mit einem durchdachten Gadget aus der Raumfahrttechnik auf der Werkbank platziert hat. Eine zusätzliche Lupen-Scheibe vergrößert den Bildschirm deutlich.

Nic: „—“

Ich gebe zu verstehe, dass ich verstehe, dass er noch nicht soweit ist, und öffne statt seiner Seele ein Bier. Hammerschlag, diesmal doppelt, dann bohre ich in ein dickes Brett zwei Löcher mit dem Forstner. Die runden Bohrstücke knallen auf die Werkbank.

„Das ist so schlimm“, sagt Nic. „so schlimm.“

Ah, jetzt kommts, denke ich, und nehme einen Schluck Bier, das kohlensäure-reich, kühl und lecker meine Kehle hinabrinnt. Die Kohlensäure nimmt allerdings gleich wieder Reißaus und bahnt sich den Weg zurück in die Atmosphäre. Einen Moment denke ich darüber nach, ob es angesichts der Klimakatastrophe angemessen ist, zu rülpsen. Da mir allerdings auf Anhieb weder eine Vermeidung des Bäuerchens einfällt, noch eine Filteranlage greifbar scheint, in die man kurz hineinrülpst, um hinten das gebundene Co² herausplumpsen zu lassen, nehme ich noch einen Schluck.

Jetzt helfe ich ihm doch, denke ich, und frage inquisitorisch: „Was?“ Ich könnte beim Spiegel arbeiten, bei den Investigativen!

„Da!“ sagt er, und dreht das Handy. Ich erschrecke. Weiche etwas zurück, ein Aufregungsbäuerchen entweicht meiner Kehle.

Wir sind auf dem Instagram-Account seiner Liebsten.

„Deine Frau hat einen Instagram-Account?!“ frage ich

Nic nickt

„Deine Frau macht jeden Tag das Pausenbrot für die Kleine?“

Nic nickt.

„Sie fotografiert es?! Ein Brot?“

Nic nickt.

„Lass mich raten, sie schafft es nicht mehr, und möchte, dass du es künftig tust?“

Nic nickt.

Wir verstehen uns.

„Das ist schlimm!“

Jetzt öffnet Nic seine Schleusen: „Ärger mit der Liebsten! Lea isst das Pausenbrot nicht. Ich soll es machen. Hast du schon mal ein Pausenbrot gemacht? Die Liebste hat mir zehn Tage Zeit gegeben. Hey, Mann, mein letztes Pausenbrot ist quasi 30 Jahre alt!“ Ich hoffe, Nic hat es nicht mehr.

Wir klicken uns durch die Bildergalerie der 101 besten Pausenbrote – verzerrt von der komischen Raumfahrtscheibe. Wir sind beeindruckt von Kunstwerken, von Denkmälern der Schulkunst, von großartigen Gebilden. Uns lachen Brote mit Augen („Ich dachte, man soll nix mit Augen essen?“) an und Käse-Ohren, bunteste Spießchen in Farben, die nur Frauen benennen können, Snacks für eine Woche, deren Kalorienzahl ich mir mit einem einzigen Mittagsdöner reinziehe. Wohin wir auch klicken; Vollkorn, Kresse, Gemüse, Gesichter, im unscharfen Hintergrund Apfel und Banane, darunter herrlich gemaserte Tischplatten.

„Wann stehen die auf?“ fragt Nic, „und …. wie bekommen die das hin? Frühmorgens?“

Mich lässt das auch etwas ratlos. Aufgeregt hämmere ich vier Mal auf die Platte, lasse zwei Mal die Bohrmaschine laufen.

Klar, die Frauen forderten im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes von uns, dass wir irgendwann das Fläschchen geben, irgendwie damit sie entlastet seien, das Kind auch lerne vom Vater etwas Sinnvolles zu bekommen, und so Sachen.

Aber das? Das geht zu weit.

Nic erklärt weiter: „Der Streit geht ja schon ein paar Tage: Erst hab ich den Pizzaservice gerufen. Eine Pizza Salami in die Schule in der Pause.“ Habe aber nicht geklappt, weil der Pizzadienst erstens zu spät war (‚Fahrer komm‘ glei!‘) und er zweitens nicht auf das Schulgelände durfte. Der Maschendrahtzaun wiederum ließ die Pizzastücke nicht durch. Lea kam hungrig nach Hause, was direkt zu einer unvergleichlichen, fast noch nie dagewesenen Ansage seitens der Liebsten führte. Nic: „Andererseits gab es mal einen ähnlichen Anschiss, damals 2002, nach der Pokernacht … uiihehehee.“

Zweiter, am Ende ebenfalls erfolgloser Versuche der Regelung war ein Pausen-Besuch bei Mäcki, der daran scheiterte, dass die Filiale gerade auf diese Bestellterminals umstellte, und daher alles länger dauerte. Als Lea nicht in die dritte Stunde kam, wurde die Mutter angerufen. Die folgende Ansage war wegen des Junkfoods und des Hungers des Kindes, sagte Nic, bei dem ich das Gefühl hatte, ein dunkler Schatten wäre um sein eines Auge zu sehen. Ob sie ihn schlägt?

Das Kind, erzählt, Nic weiter, muss später Bericht erstatten. Hat das Brot geschmeckt? Kann es besser gemacht werden? Was hatten die anderen dabei? Nic kaufte dann zwei Fachbücher über Pausenbrot machen.

„Lass uns das kurz analysieren“, sage ich zu Nic.

Nic nickt

Er steht auf, stellt sich an die Werkbank (im Stehen denkt es sich besser), schiebt sein Handy zur Seite, nimmt die Flasche an dessen Stelle und guckt mich erwartungsvoll an.

„Problem?“

„Pausenbrot machen!“

„Erwartung?“

„Die Frau erwartet, was sie bisher gemacht hat jetzt von mir. Das Kind erwartet bunte, frische Brötchen.“

„Falsch!“ rufe ich triumph1ierend, „das Kind erwartet nix! Es möchte einen vollen Magen! Es braucht Kalorien, weil es denken muss!“ Aber, gebe ich zu bedenke, das Kind hat auch Endsstress: 15 Minuten Pause! Spielen! Andre Kinder haben anderes Pausenbrot, das wird verglichen. Mal hat es keinen Appetit, weil anderes Kind was ausgibt. Und dann muss noch das Pausenbrot gegessen und gut gefunden werden.

Hat das Kind das Pausenbrot je aufgegessen? Frage ich Nic weiter. „Nein! Ja…., weissnicht.“

Zwei Tage später treffen wir uns wieder, diesmal im Nic hat seine Kinder befragt: Manchmal essen sie das Pausenbrot, manchmal nicht, manchmal tauschen sie, manchmal geht’s wieder nach Hause.

„Siehste!“ sag ich, „mach deine Gören immer ne schöne Leberwurst-Klappestulle. Von mir aus mit einem Blatt Salat. Sag dazu, es nix anders gibt. Nenn‘ es „Power Snack“
Haben sie Hunger essen sie.
Haben sie Zeit essen sie.
Keines deiner Kinder sieht aus als stürbe es, wenn es mal ein Pausenbrot auslässt. Das wäre ja nur fatal, wenn das Rest-Essen des Tages ganz furchtbar wäre. Aber sowie das Pausenbrot schon ausguckt müssen die Hauptmahlzeiten bei euch ja ****-Mahlzeiten sein,

Denk dran, du geht’s arbeiten, damit die Familie was zu essen, und es warm hat. Pausenbrot machen ist ok, aber nicht morgens um 5 Uhr.“ endet mein Monolog, rufe noch ein „Taschakka!“ hinterher.

„Tschakka“, echot Nic den akustischen High-Five.

Vier Wochen später war Nic wieder gut gelaunt. Die Kinder aßen seine Pausenbrote gerne, jedenfalls wenn sie Zeit dafür hatten. Was überblieb gab es kommentarlos zum Abendessen. Nach dem Abendessen trafen wir uns im Keller und arbeiteten etwas am Projekt.

Seine Frau ist zwar noch auf sedierenden Tröpfchen angewiesen, postet aber schon sehr schöne Bilder aus der Klinik. Ich herze sie gern auf Instagram.

Männer sind einfach die besseren Mütter.

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