Das Corona-Tagebuch: Männer laufen gemeinsam, nicht zusammen

Wir sitzen vor den Kameras, leicht derangiert, Thomas, Michael, Martin, der ein oder andere erscheint als Scheme in der Teilnehmerleiste, die Haare sind länger als üblich, außer bei Michael, der hat sie ratzeputz nieder rasiert, „… bis ich wieder unter Leute darf vergehen Wochen“. Das sei irgendwie auch ein Zeichen. Thomas hebt sein Weissbieglas in die Linse, und ruft: „Isotonisch! Das brauchma jetzt!“ Wir hatten verabredet zu laufen, gemeinsam, aber nicht zusammen: Start zur gleichen Zeit, jeder hatte sich eine Strecke ausgesucht, dann starteten wir alle.

Jetzt vergleichen wir auf unserer App unsere Ergebnisse. Thomas misst seinen Erfolg vor allem in Weißbier, das er nun trinken muss, um seinen Elektrolyt-Haushalt auf Vordermann zu bringen. Drei hat er schon geschafft. Martin, der immer alles sehr genau weiß, erläutert seiner Kamera, auf was es ankommt: „Nur wenn du Kalium im Körper hast, kann dein Körper die aufgenommenen Kohlenhydrate als Glykogen in die Muskelzellen einbauen.“

„Kalium?“ fragt Michael, „kenn ich nicht“, er scheint gleich einzuschlafen, offenbar ist er weit über seine Grenzen gelaufen. Außerdem spricht Martin weiter ins Bild, es sei sehr wichtig, vor dem Lauf das richtigen zu essen, und … man hört das Ausrufezeichen förmlich …. danach. Im richtigen Zeitabstand. Ganz wichtig wieder: Die Kohlenhydrate….

Ich überlege, ob ich als Besprechung-Organisierer Martins Mikrophon stumm schalte.

Jürgen zeigt sein graues T-Shirt „Ich bin schon vor Corona gelaufen“, im Ausschnitt ist das hineingeschwitzte Dreieck malerisch zu erkennen. Er läuft seit Jahren, er hatte die Idee mit dem Lauf, und absolvierte seine üblichen 17,5 Kilometer, eine Strecke, die ich kaum mit Rad schaffe.

„Weizenbier“, Martin sagt immer Weizenbier, er stammt, glaube ich aus dem Pott, „…. Weizenbier hat übrigens ungefähr so viel Kohlensäure wie Champagner.“ Martin teilt jetzt seinen Bildschirm und zeigt eine beeindruckende 14-Kilometer-Runde, die er in sagenhaften 62 Minuten gelaufen ist.

Er zeigt ein Glas in die Kamera, das offenbar ein spezielles Läufergetränk enthält, jedenfalls lässt die Aufschrift auf dem Glas das vermuten. Michael, der fast schon schläft, gratuliert Martin zu seiner Leistung. „Wie hast das gemacht? Ich bin gerade 6 Kilometer gelaufen und völlig fertig. Völlig.“

Thomas Nase wird in seinem Bildschirm groß, er scheint etwas genau anzusehen. „Martin“, sagt er „Martin, du bist sogar die fast immer gleiche Geschwindigkeit gelaufen .. kein Hase, keine Schildkröte … das ist beeindruckend…. Martin,“… auch jetzt hört man ein Ausrufzeichen, allerdings ein entrüstetes  „… Martin, du bist Fahrrad gefahren!“

Martins Bildschirm wird schwarz, Michael schläft, Jürgen geht duschen, Thomas schüttelt den Kopf und trinkt.

Ich stelle die nächste Konferenz für die kommende Woche in das Programm.

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