Männerfilme statt zuckerrosa Romantik

Wir sitzen vor unseren Kameras: Jeder für sich, alle gemeinsam. Vor mir das Bier. Ohne geht’s nicht, wenn ich mich mit den Jungs treffe, egal ob in der Zünftigen Wirtin oder Online.

Wir sitzen da nun also in kleinen Abstellkämmerchen, Küchen, Abseiten, wo auch immer unsere Familien uns einen Platz zugewiesen haben, der gerade noch vom Router bestrahlt wird.

„Ich musss keine Romantik-Filme mehr mit Tarzanstochter gucken“, erzähle ich gerade, ich bin quasi freigestellt. Zeit für Männerfilme! Ergänze ich noch, und lasse im Kopf die letzten zuckersüßen Filme Revue passieren, die den Bildschirm schier rosa färbten und die ich sehen musste. Filme mit wirklich schlichter, absehbarer Handlung, schönen jungen Menschen, klaren, ca. 50 Jahre alten Rollenverteilungen.

Gut, das mit den Rollenverteilungen ist bei den Männerfilme auch eher … klassisch.

„Was sind denn Männerfilme?“ fragt prompt auch Martin, der es immer genau wissen will, „können da Männer ihre Gefühle zeigen?“

„Klar können sie“, antworte ich, denke an Bruce Willis, der laut „Yippie Yah Yeah Schweinebacke“ ruft. Wenn da nicht Gefühl drinsteckt! Triumph, Freude, Hingabe! Dann weiß ich auch nicht. „Aber müssen, müssen tun sie nicht.“ Sie können auch einfach so rumballern, Frauen retten oder Mieslinge eliminieren. Oder ein anders, beliebiges Beispiel – die älteren unter uns kennen ihn noch – James T. Kirk, nach dem er die fehlgeleitete Energiewolke von Raumschiff, Erde und Föderation ablenken konnte. Der letzte Dialog auf der Brücke zwischen Pille, Spock und ihm, immer so ergreifend. So menschelnd.

„Das ist doch Unsinn“, mein Martin. Er schaue nur noch französische Filme, die US-Produktionen seien ihm zu profan. Grundsätzlich. Alle.

Teils stimme ich ihm ja gerne zu, erhebe das Glas, stoße an die Kamera, wische die Linse wieder sauber, freue mich auf die „Jagd auf Roter Oktober“, die ich im Anschluß mit sprechen werde.

„Jajaja, die Ami-Filme sind schon wirklich übel,“ sage ich. Andererseits braucht es gute Nerven oder eine wirklich intensive humanistische Bildung, um gerade französische Filme sehen zu können: Pärchen sitzt nackt im Bett, der Vorhang weht. Schwarzweiß, ohne Dialoge, dafür mit viel filterlosen Zigaretten, die an das längst abgewöhnte Laster erinnern. Morgen wollten Klaus und ich gleichzeitig wenn auch nicht gemeinsam „Edge of Tomorrow“ gucken, soll toll sein, die US-Produktion.

„Wollen wir mal zusammen einen Film von Agnes Varda  ansehen und diskutieren? Ich mache auch die Einführung ganz kurz.“  Im Original, sagt Martin weiter auf dem Bildschirm, im Original entfalte der Filme erst seine volle Wucht, die Untertitel würde er ausblenden, die lenken ja nur ab.

Die Router scheinen ihren Geist aufzugeben, jedenfalls verdunkeln sich die Bildschirme der Gruppe nach und nach. Auch mein Router läßt nach. Möglicherweise ist das, weil Tarzanstochter und Tarzanstochtermutter es sich vor dem Fernseher bequem machen und einen romantischen Disney-Film gucken. Mit Popcorn.

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