Sport ist nix für Männer – „…und bestellt noch Bier.“

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin.

Wir sitzen da so oft es unsere Familien, die Arbeit, das Geld zu lassen. Diese kleinen Pubs sind doch irgendwie das Refugium für Männer, die letzte Stelle, an der Männer unter sich sein können, vorwurfsfrei schweigen, wirklich wichtige Themen besprechen und künftige Raumschiff- Antriebstechniken diskutieren können. Oder auch in angemessene, reflektierte Selbstkritik verfallen.

„Ich müsste mal Sport machen“, sagt Richard. Der Tonfall ähnelt dem eines Mannes in der Hängematte auf Haiti, dem von einer jungen Eingeborenen frische Luft zugewedelt wird, der einen Cocktail gereicht bekommt, und der meint: ‚Ich  … müsste  — mal in meinen Mails schauen. Müsste …‘

Im Hier und Jetzt allerdings schaut Richard an seinem Bierglas vorbei, erst auf seinen Bauch, auf den er liebevoll eine Hand legt, dann auf das Schälchen mit den Erdnüssen, das uns die zünftige Wirtin so gern hinstellt un das im Übrigen angeblich voller Pipi ist, weil sich Männer nach dem Pinkeln die Hände nicht waschen. Das mag sein. Andererseits pinkeln sich Männer üblicherweise nicht über die Hände. Außerdem lenkt das von Richards Figur Problemen ab.

„Sport…“, seufzt Thorsten und es klingt ein bisschen wie „Elodraaadoooo“, und es scheint genauso verheißungs- wie sehnsuchtsvoll. „Beweglich sein, kraftvoll, elastisch…. Wie mit 25. Toll!“ Ein Schluck Bier spült den Gedanken weg. Dann stellt er mit Pfeffer und Salz, zwei Bierdeckeln, seinem Glas und einer zerknüllten Serviette das Wembley-Tor nach. Ich kann es genau erkennen.

„Nur fünf Minuten Dehnübungen am Tag erhöhen die Beweglichkeit bis in hohe Alter“, ruft Martin rein, der oft viel genau weiß. Oft genug zu viel.

„Ach, es würde reichen ab und an wieder an die Schnürsenkel zu kommen,“ findet Nic.

„Ich war kürzlich Gruppen-Landkreis-Sieger im Nord Walking,“ verkündet Johannes, verschweigt aber, dass er sich eigens der Arthrosegruppe des VdK angeschlossen hatte.

„Ich will mich bloß mal wieder ein bisschen bewegen, … Schwimmen vielleicht“, brabbelt Richard wie im Delirium weiter, aber wir verweisen auf die Senioren, die Schwimmbewegungen vortäuschend durch das Becken waten und sich ausführlich über drei bis vier Bahnen über Zucker unterhalten, auf das Chlor und den Fußpilz, der sicherer da ist, als das Pipi in den Erdnüssen, tun Richards nunmehr Alptraum ab und bestellen ihm noch ein Bier. Die Flucht soll ihm nicht leichtfallen.

„Meine Uhr erinnert mich zuverlässig an die 10 000 Schritte, das ist jeden Tag Gesundheit!“, sagt Martin, und deutet auf seine Fitness-Uhr. Er ist der einzige, der in eine kleine Kneipe geht und Mineralwasser trinkt. Ich glaube es stammt noch aus den Katastrophenschutz-Beständen der Zünftigen Wirtin aus dem Kalten Krieg. Außerdem stellt besser niemand außer ihm seine Sport- oder Gesundheits- oder überhaupt irgendwelche Daten der Krankkasse zur Verfügung. Gerade bei den Sport-Daten würde den meisten von uns ein altes Tasten-Nokia zur Übertragung ausreichen.

„Tischtennis“, schlägt Richard sich selbst vor, denn in der Nähe stehen ein paar der öffentlichen Platten, die praktischerweise gleich neben den in Boden eingelassenen Schachbrettern aufgebaut wurden. „Wenn es mit dem Tischtennis nicht so klappt, kannste gleich zum Schach wechseln“, meint Thomas. „Im nächsten Schritt Alkoholiker werden, hmm? Von der Platte über das Brett rüber zum Platte machen. Alles auf wenigen Quadratmetern, toll geplant, von der Stadt.“ So verbringt man den Tag, später dann jeden Tag.

Thomas habe auch gesehen, dass ältere Männer mit größeren als den Wettkampfbällen Tischtennis spielten, die fliegen nicht so schnell. Außerdem sprängen dort immer ein paar Jungs herum die die verhauenen Bälle (derer gibt es viele) aufheben, und gegen einen Obolus in einen großen Karton werfen. „So kannst du lange spielen, musst dich nicht bücken, das ist doch was für dich?! Rücken!“
„Hoffentlich haben die einen guten Vertrag ausgedealt, sonst wird’s teuer! … Wenn du schon Geld ausgibst, mach es richtig“, meint Thorsten weiter und schlägt vor Richard solle doch einen Personal-Trainer oder – besser noch – eine Personaltrainerin engagieren: „Kostet natürlich ein bisschen was, klaro, aber bekommst auch ein besticktes Handtuch dazu, mit Monogram!“ Anderseits könnte gerade die Trainerin zu weiteren Problemen führen. Für diese Probleme brauche Richard allerdings wieder eine gewisse Ausdauer und Standfestigkeit.

Martin hat offenbar von seinem Abreiskalender-App einen neuen Tipp gepusht bekommen: „Nur fünf Minute Pilates am Tag verringert das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben um 23 Prozent! Das haben schwedische Forscher herausgefunden.“ Er nimmt vorsichtig einen Schluck, wirklich einen kleinen Schluck , das er glaube ich, erst im Mund herumspült, bevor er es schluckt. Ob er ein Wasser-Sommelier ist?

„Oder laufen. Laufen kann man überall machen. Immer. Andererseits ….  spricht das irgendwie eher dagegen?!“, meint Nic „Außerdem: Du schauts beim Laufen aus, als stürbest du gerade. Das will kein Mensch sehen. Und statt dass du besser ausguckst, wirkt es, als liefe da ein Zombie; lass es lieber, mach was anderes.“

Martins Handy brummt: „Nur fünf Minuten leichtes Hanteltraining am Tag …“ „MARTIN!“ ruft die Runde fast aus einem Mund: „Hör sofort auf!“

„Jungs, ich versteh euch nicht“, sage ich, und lege ebenfalle die Hand wohlwollend auf den leichten Bauchansatz. „Wir sind alle verheiratet, die Frauen lieben uns, also jede seinen. Keiner von uns will mit einer 25-Jährigen anbandeln. Keine 25-Jährigen will mit einem von uns anbandeln. (Oder? ODER? Richard?). Wir sind über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus. Lasst es, wie es ist.

Geht rüber zum Flipper und spielt drei Runden. Das ist Sport! Jetzt. Mit Bier. Das ist isotonisch. Dann an der Theke stehen satt am Tisch rumsitzen. Sitzen ist das neue rauchen, daher stehen. Das dürfte für die erste Runde reichen. Martin“, frage ich noch „wie lange muss ich stehen um mein Risiko an Lungenkrebs zu sterben, signifikant zu senken?“

Martin antwortete nicht. Martin ist beleidigt.  Ich sagte: Gut dann eben nicht – und bestellte noch Bier.

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