Das Kind ist krank – Väter haben immer eine hilfreiche Diagnose zur Hand

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin, Richard, Andreas, Nic, Martin, der eine länger, der andere kürzer. Am kürzesten sicher Martin. Er hetzt rein, bestellt Bier, zückt das Handy, und bittet um Hilfe. Er braucht einen Orthopäden, schleunigst, sein Kind… leide immens. Die Sprechstunden-Hilfe bei seinem bisherigen Orthopäden hatte ihm einen Termin am Donnerstag in drei Wochen angeboten, nach dem er den Vormittagstermin heute ausgeschlagen hatte.

„Ich habe extra, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es Eva Maria wirklich schlecht geht,“ beschwert sich Martin.

„… und gesagt, dass Eva Maria erst in der Schule ist, um 15 Uhr Geige hat, und pünktlich um 16,30 Uhr beim Arzt sein kann? Reagieren sie allergisch drauf, die Sprechstundenhilfen, kenn ich…“. Nic knurrte weiter, dass Martin dankbar sein dürfe überhaupt irgendwo einen Termin zubekommen, in Syrien gebe es keine Praxen mehr, in England zwar noch die ein oder andere Praxis, aber niemanden, der sich mit den altertümlichen Geräten auskenne. Da sei doch Donnerstag in drei Wochen und auf Kosten der Kasse wirklich akzeptabel.

Bei welchem Orthopäden denn Richards Kinder sein, fragte Martin ungehalten. Richard verschwand erst aufs Klo, bevor er Martin die Adresse eines Orthopäden am anderen Ende der Stadt gab. Martin ging sofort dankbar.

„Warum hast du ihm nicht Dr. Müller empfohlen?“, fragte ich. Wir hatten uns kürzlich bei dem Orthopäden am Eck getroffen, waren beide zufrieden. „Ich bin doch nicht so blöd und verrate, dass der gut ist. Am Ende geht es uns so wie damals in Jesolo, als wir diese Familie von Vlad trafen, mit der wir sogar schon vor dem Urlaub zerstritten waren.“

Das war einen wirklich schlimme Geschichte gewesen, die wir in der Gruppe mit viel Bier aufarbeiten mussten. Richard hatte im Herbst zuvor so von der Campingplatz-Anlage geschwärmt, dass die schrecklichen Vlad-Eltern sich gleich einbuchten. Mit dieser Familie hatten sie so versehentlich 14 Tage Pfingst-Urlaub verbracht. Vlad-Eltern neigten allerdings dazu alles negativ zu sehen und grundsätzlich unzufrieden zu sein, und schimpften ununterbrochen auf alles. Vor allem auf Ausländern, so als Rumänien-Deutsche.

Da die Familien im Grunde schon zerstritten waren und nicht geplant gemeinsam unterwegs waren konnten sie sich weder zerstreiten und noch schwören nächstes Jahr nicht gemeinem Urlaub zu machen.

Das war vielleicht das schlimmste überhaupt. Und deshalb hatte Richard jetzt Martin einen völlig unbekannten Orthopäden am anderen Ende der Stadt empfohlen.

Ich nutze Ärzte ja eher als eine Art Berater. Immerhin vergeben immer mehr Ärzte in diesen Sammelpraxen, um nicht zu sagen spezialisierten Mini-Behelfskrankenhäusern Termine im Minuten Takt. Da sind Vorkenntnis hilfreich.

Zumal es ja oft jungen Menschen am Anfang ihrer Karriere sind, auf die man stößt, manchmal muss man schon genau schauen, um sie nicht mit der adretten Arzthelferin zu verwechseln. Oder die Fragen “ Sagensemal, hammse überhaupt fertig studiert?“ erst nach der offensichtlichen Fehldiagnose stellen.

Es ist schon gut, wenn Mann, gebildet durch die eigene intensive Krankheitsgeschichte und die von allerlei Freunden, mit ausreichend Fachbüchern und dem Internet, dem Jungspund kurz unter die Arme greift. Zähle ich meine mit der Medizin verbrachten Stunden zusammen, komme ich auf ein Lebensalter von 67, bin also praktisch als Arzt nach langer Berufserfahrung im jenem Endstadium, das die unvoreingenommene Lektüre der Medizinfachheftchen aus den umliegenden Apotheken gestattet. Die Zeit hatte ich nie, als ich noch aktiver praktiziert hab.

Während etwa das bereits leicht zerfledderte Handbuch ‚Selbstdiagnose‘ nur eine Art „Erste Hilfe“ und Orientierung für den Attend-Your-Self-Doc bietet, ist das Internet ja eine sprudelnde Quelle an Inspiration, Symptomen, Deutungen, Selbsthilfegruppen und Hilfestellungen bis hin zur Online-Apotheke in Venezuela, die das gesuchte und wirklich wichtige Pülverchen gegen das Ziepen links unter der Rippe auch gleich verschickt.

Im Container auf dem Schiff, das in nur vier Wochen ablegt. Der Lufttransport kommt für so sensible Pflanzenpülverchen – hergestellt von lustig behüteten Indio-Frauen in 4500 Meter Höhe – nicht in Frage. Da muss man schon Verständnis haben. Solche Feinheiten kennt der Pillen-orientierte Jungarzt ja gar nicht. Bekommt er eben nicht erklärt, auf dem Golfplatz.

Klar. Man kann den jungen Mann erst mal eine Diagnose stellen lassen. Das geht. Aber dann sollte man doch zügig darauf hinweisen, was einen wirklich bedrückt, und welches Medikament besser wirkt, als jenes, das er im Auftrag der Pharmaindustrie gerade auf den Zettel drucken wollte, der Lümmel.

Vor allem lässt das Internet nie einen Zweifel daran, dass die Symptome auf eine wirklich schwere Krankheit hinweisen. Eine, die meist von diesen jungen, unerfahrenen Ärzten übersehen wird. Gleichzeitig bietet das Internet den Schutz und die sinnliche Geborgenheit der Selbsthilfeforen, in denen geschimpft (über die jungen Ärzte) und getröstet wird, die weitere Top-Online-Apotheken in Uruguay und Kasachstan empfehlen. Ganz groß auch die Beschreibungen der schamanischen Riten, die so allerlei vertreiben.

Als Martin einige Tage später wieder in der Zünftigen Wirtin auftauchte, und noch immer von den Symptomen seiner Eva Maria sprach bot ich ihm einen ambulante Kurzdiagnose an.

Rezepte müsse er sich selbst besorgen, zumindest die Unterschrift. Darauf stehen werden jedenfalls „6x Wärmebehandlung, 6x KG, Einlagen“. …,.Was die in der Physiotherapie Praxis daraus machen würde er sehen.  Egal was es ein würde, er solle dankbar sein.

Gute Besserung.

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