So ein Kindergeburtstag ist kein Kindergeburtstag

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin. Martin, Nic, Richard, Andreas, wer eben so kommt von den Vätern, sich eben mal frei machen kann oder muss von den Familienverpflichtungen, Richard schaut heute etwas griesgrämig, irgendwie hat er schlechte Laune.

Nic dagegen ist freudig, erregt geradezu: „Wirtin!“, ruft er: „Du hast doch heute Geburtstag? Gibt’s du einen aus?“ Die Wirtin, unschätzbar im Alter, sie könnte gut gehaltene 75, aber auch verlebte 45 sein. Jedenfalls war sie schon immer da. Schon immer. Möglicherweise sogar 1921. Zum Beispiel. Ich habe den Verdacht, dass die Kneipen-Luft konserviert; als noch geraucht werden durfte, noch besser. Draußen kommt zu viel Sauerstoff an die Haut, das ist nicht gut. Die Kippe, sie fehlt jetzt auch in Wirtins faltigem Mundwinkel.

Die Wirtin jedenfalls lässt ihn abblitzen: „Du darfst mich einladen, Junker!“.  Junker, das klingt eher nach 70stem Geburtstag,  eher nach 1921.

Fünf Augenpaare fixieren Nic: Was tut er? Er hebt den die rechte Hand, streckt den Zeigefinger aus, deutet auf die Wirtin, kneift ein Auge zusammen und sagt: „Wähle, der geht auf mich!“

Richard schnaubt.: „Die macht es sich einfach: Lässt sich einladen. Einfach so. Und ich?! was soll ich machen? Clara hat bald Geburtstag, da muss was passieren. Sagt die Frau.“

Beim letzten Clara-Geburtstag hatte Richard-Frau ein mehrseitiges Redemanusskript für sie und ihn geschrieben. Das lies sie ihn so lange proben, bis die Übergänge problemlos klappten. Also tagelang.

„Lager es aus,“ rät Andreas, Einkaufsexperte bei einer großen Münchener Firma, „kostet dich 600 Steine, wenn du gut verhandelst 400, Kuchen mit drin, ist im Grunde unbezahlbar.“

Die Wirtin nimmt sich einen Amaretto, prostet Nic zu, und trinkt. Nic kontert mit seinem Glas Giesinger.

Kurz überkommt mich die Erinnerung an meinen 30ten Geburtstag. Im Grunde versammelten sich eine Gruppe netter Männer rund um mehrere, gestapelte Bierkästen. Wir redeten nicht viel, sprachen über den ein oder anderen Songtext von Johnny Cash, verglichen die Dialoge von Star Trek und Star Wars, so Sachen; es war so herzlich, so warm. Ein schöner Geburtstag.

Richard: „Auslagern? Es kommen meine Eltern, also die Großeltern. Ihre Eltern, also nochmal Großeltern. Oder Opa und Oma. Die Hebamme, mit der meine Frau sich so gut verstanden hat. Ein Bruder der Frau, daher auch meine Schwester.“ Ich kenne die Familie: Das sind allein zusammen gute sieben Personen. „Dann kommt Laura aus der Krabbelgruppe und deren Mutter. Und weil meine Tochter so nett ist, hat sich der Vater von Laura auch gleich freigenommen und kommt mit. Ahja, dann die Mutter von links unten, mit ihrem dreijährigen Gör, und dem Siebenjährigen ebenfalls, weil dessen Schachkurs ausfallen wird und sich dessen Vater wohlweislich nicht frei genommen hat. Leider, denn diesen intellektuell hochstehenden, aber emotional völlig fehlgeleiteten Nobelpreisaspiranten muss ich auf dem Geburtstag meines Kindes wirklich nicht haben. Ist aber eh schon egal.“

Er scheint seinen ganzen Kopf ins Bierglas stecken zu wollen, ich überlege ob ich Richard eben noch einen Whiskey ausgebe. Er hats verdient, denn: „Dann komme noch die Kinder dazu, die Clara einläd‘. Zwar nicht mehr pro Jahr eines, aber es reicht. Es reicht vollkommen!“ Clara ist nunmehr 13 Jahre alt..

Wir Männer beraten und machen kreative Vorschläge:

„Du könntest in den Zoo gehen.“
„Mit 13-Jährigen? Na danke!“
„Sternwarte?“
„Pfff“
„Stand-up-Paddeln am Tegernsee?“
„Mit Omma? Zu weit weg, zu teuer!“
„Kino, Soocerarea, Trampolinspringen, Indoorspielplatz Escape-Room, Sushi basteln und essen..:“ zähle ich die letzten sechs Geburtstagseinladungen von Tarzanstochter auf.

Alles Mist, meint Richard – kurz zusammengefasst. Freundlich zusammengefasst.

Wir trinken weiter. Meditativ. Wir wissen, wann es genug ist. Wann Mann Raum für Gedanken braucht. Ruhen bedeutet Kraft, dieses Nachbohren, dieses quengelnde „Wir-brauchen-jetzt-sofort-eine-Lösung-die -mir-passt.“ dagegen kostet Kraft. Wir trinken. Problemlösung gelingt entspannt oft besser.

Am Ende bricht es aus Martin heraus. Ausgerechnet Martin, der sich sonst eher den komplizierten Dingen verschreibt, oder besser alle Dinge so hindreht, dass sie am Ende wirklich kompliziert sind, fast wie eine Frau. Jedenfalls ruft er: „Polnische Hochzeit!“

Erst stutzt die Gruppe, Richards Augen werden groß, dann lächelt er. „Das schlage ich Clara-Mutter vor. Die Familie sitzt oben beim Käffchen und Küchelchen, die Kinder spielen unten Doktor für Fortgeschrittene.“  Schweigend fallen wir uns die Arme, wie wir es immer tun, wenn wir unser gleichen aus einer schwierigen Patsche geholfen haben. Ist ja auch kein Kindergeburtstag, so ein Kindergeburtstag.

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