Die grausame Schnarcheritis

Wir sitzen in der Zünftigen Wirtin und sprechen über die Bierpreise auf der kommenden Wiesn. Die meisten anderen Themen waren von der Tagesordnung verbannt. Wer will sich am Abend über Trump oder Johnson oder Putin oder den Klimawandel oder den Nicht-Rücktritt von Scheuer oder den Wertverlust des Audi-Diesels oder den Nachbarschaftsstreit oder sonst was unterhalten? Das treibt nur den Blutdruck hoch und lässt nicht schlafen.

„Ihn hier schon!“, meint Richard. Der Kopf des Mannes neben uns kippt immer wieder nach vorne, droht das Bier Glas umzuwerfen; diese Desaster verhindert zwar stets Thomas („Um Gottes Willen, das Bier!“). Aber es ist kein Dauerzustand. Ich stupse den Mann an: „Aufwachen, du bist in unserer Kneipe!“
„Isjagutt, ich schnarche ja nicht mehr…“ brummelt er.
„FUCK!“ brüllt Andreas, „Schnarcheritis! Kenn ich!! Hölle! Er macht die Hölle durch!“

Schnarcheritis! Wir kennen das alle: Geht harmlos los. Erst poppen in deinem Browser Werbungen für allerlei Schnarchgeräte auf. Du wunderst dich, weil du so was nie anklicken würdest. Warum auch? Das Schnarchen der Frauen ertragen echte Männer stoisch. Vermutlich ist das evolutionär gesehen der Grund, warum die Natur den Mann mit einem vernünftigen, tiefen Schlaf gesegnet hat: Damit wir vom regelmässigen, herzhaftem Rüsseln der Allerliebsten nicht geweckt werden, sondern am nächsten Tag wieder mit Elan und Energie dem Arbeitsplatz die Stirn bieten können und am Abend stolz und reich ins wohlige Heim zurückkehren. Dabei hat die Frau nur heimlich bei Amazon nach den entsprechenden Geräten geschaut. Jetzt ploppen eben die Werbungen über all hoch.

„Scheisse!“, ruft Martin, „legt ihn hin, vooorsichtig, holt eine Decke. Schlaf! Er braucht Schlaf!“ Der Mann wird auf die Eckbank gebettet, Richard schiebt ihm das Kissen in Autoreifenform unter den Kopf. Andreas greift unter die Bank, schlägt die für solche Notfälle bereit liegenden Decke aus und über den geschundenen Körper. Dieser seufzt noch einmal, zuckt, dann zeugen die tiefen Atemzüge vom besten Schlaf.

„Achtkommazwei Sekunden. Nicht schlecht!“, meint Martin, „hast sich das trainieren doch gelohnt.“ Er dreht sich seinem Bier zu. Immer mehr Männer werden von der Schnarachritis heimgesucht, diesem gemeinen Schlafentzug, bei dem die im eignen Bett liegenden Ehefrau den unschuldig schlafenden Mann immer und immer wieder anstupst, vorgeblich, um das Schnarchen zu unterbrechen. „Das kann aber eh nur sie hören!“,  ruft Andreas erbost, „der arme Mann, was er gerade durchmacht, schrecklich.“ Er umfasst das Glas, seine Miene verfinstert sich. „Das ist so ne fiese Sache: Erst konnte ich nicht schlafen, weil ich mit ihr schlafen wollte. Dann konnte ich nicht schlafen, weil ich mit ihr schlief, dann störten die Produkte dieser Nächte die Nächte, jetzt lässt sie mich nicht schlafen, weil ich schlafe. Fragen?“

Wir schütteln den Kopf, nein, viele der besten Männer kennen das nur zu gut. Den Vorwurf, lauter zu schnarchen als die Frau. Erst neulich – wir hätten aufmerksam sein müssen – zitierte Martin die Studie von Wissenschaftlern, vermutlich schwedischen: „Frauen schlafen besser, wenn sie allein im Bett sind, Männer jedoch schlafen besser, wenn die Frauen dabei sind. Das ist ein Dilemma.“

Ja, wir kennen das alle: Das ungerechtfertigte, dauerhafte anstupsen, ein immer währendes hin schieben, ein machen und tun, ein herumnesteln am Mann. Und Lulu machen ist auch noch einmal die Nacht drin. Zumindest bei den Jungs über 50. Da geht’s halt nimmer so. Das kostet alles erholsamen, langen Nachtschlaf.

Der Mann stellte sich als Frank vor, als er aus seinem Powernap erwacht war: „Ihr kennt meine Frau nicht, die ist von jedem Dilemma weit entfernt! Sie ist eher … praktisch! Sie hat mir eine Sexpuppe geschenkt“ … (wildes ‚Höhöhö‘, und ‚HörtHört‘-Rufe der Männergruppe) … „Vergesst es: mit zugeklebter Ihrwisstschonwas, und ist aus dem Schlafzimmer ausgezogen. Ich sollte mit ner Puppe schlafen! Also, die Nacht mit ihr verbringen, also der Puppe, damit ich denke, sie, also meine Frau sei da! Sie schlief aber inzwischen im Arbeitszimmer.“

Martin war ungläubig: „Deine Puppe lässt sich von ner Puppe vertreten?!“ Die Empörung von Jahrhunderten der Zurückweisung  spricht aus seinen Worten.

„Und,“ frage ich, „was hast gemacht?“

„ichabesddjddjdjdj…“

„Bitte? Du schläft jetzt also mit ner Puppe?“

„Erst musste ich mir Nasenstöpsel antun, dann eine Kinnmaske, dann wieder den anderen Nasenstopper, dann drei verschiedenen Tees trinken, dann ein Armband tragen. Jetzt ist sie ausgezogen.“ (Der letzte Satz klang etwa wie Homer Simpson, der der Psychiater erzählt wie er in seine Kindheit seinen letzte Donut im Fluss versenkt hat – also traurig. Tieftraurig!) „Bei der Schnarch-App, die sie mir auf dem Handy installiert hatte, bekam ich ein schlechtes Gewissen.“

„Es kann auch ihr Schnarchen sein, dass auf deinem Nachttisch aufgezeichnet wird! Du solltest ihr auch die App installieren!“, sagt Richard. Wir berieten den schwierigen Fall. Und empfahlen Frank erstmal einen Besuch im Schlaflabor. Die würden feststellen können, ob er überhaupt schnarchte.

Einige Woche später kam ein ausgeschlafener, kaum wieder zu erkennender Frank in die Zünftige Wirtin und lies eine Runde springen. Ja, er schlafe jetzt ausgezeichnet.  Die Sache mit der Puppe sei erledigt, die mit der Frau auch. Er hatte eine Schlafärztin … kennen … gelernt. Sie hat praktisch immer Nachtschicht, daher schlafen sie getrennt. In der gemeinsamen Zeit verstehe sie sich blendend.

Mir was das eine Lehre. Ich wollte keine Trennung und erhoffte mir von den lange und viel diskutierten harten Matratzen Abhilfe der nächtlichen Unruhe in Tarzanseltern-Bett. Deshalb wagten wir uns eines Tage zu Ikea. Erfolgreich. Am folgenden Dienstag wollte ich die Matratzen holen.

„Für wen sind die Matrazen?“ Die Frage lies gar keinen Widerspruch zu. Isabella von Ikea wollte das definitv wissen. Und es klang nicht nach Anbandeln.
„Für meine Frau und ich“ antwortete ich artig.
„Sie sind hart.“
Deshalb wollten wir sie ja. Weiche hatten wir zu Hause, meine hatte schon eine Kuhle, die meinen Schlafraum eindeutig definierte. Ich konnte gar nicht anders, als an dieser mir zugewiesenen Stelle schlafen, ich wollte aber.
„Haben Sie Probe gelegen?“ kam sofort die nächste Nachfrage. Man merkte, es war Dienstag, es war Zeit.
„Ja,“ sagte ich, obwohl mir „Jawoll, Frau Verkäuferin!“ auf der Zunge lag. Und „Samstag!“
„Da hatten sie keine Beratung?!“
„Nein!“ sagte ich. Wie auch. Samstag kann man ja froh sein, wenn man überhaupt zur Matratze vordringt. Ein paar Minuten liegen kann, ohne dass sich gleich ein anderer dazu legt.
„Es ist nämlich so: Frauen haben Figur.“
Achwas, dachte ich, Männer nicht? Mein Blick schweifte kurz über meinen Bauchansatz. Als könnte sie Gedanken lesen fügte sie hinzu: „Also, eine andere Figur.“
Achwas, dachte ich wieder, erzähl mir (männlich, über 50, verheiratet mit der Frau, die nach etlichen Versuchen als die wirklich allerbeste aus einem 12jährigen Casting hervor ging; ein Kind (Mädchen)) mehr. Die Figur – war das nicht einer der Gründe sich überhaupt den Frauen zuzuwenden? Die Figur, die andere Figur?

Bevor ich mit Isabell in eine vernünftige, erhellende Diskussion eintreten konnte liess sie mir die Matratzen ins Lager schaffen.

Ich durfte sie dann abholen.

Gute Nacht

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