Meditieren in der Hofpfisterei

Ich bin auf dem Weg zur Hofpfisterei. Die haben so tolles Brot sagen alle, also gehen wir da auch hin. Früher meist zufällig, jetzt bewusst, geradezu achtsam versuche ich kurz vor 17 Uhr in der Filiale am Eck zu sein. Da gibt es nicht nur das gute Brot, sondern auch dazu gratis  …

„Hey!“

Das galt mir, ich drehe mich um und sehe Günther heransausen. Auf einem E-Roller.

„Heyyyy Günther, wohin so eilig?“ frage ich ihn, der es gerade so schafft, sein Gefährt ungefähr in meiner Nähe zum Stehen zu bringen. Und weiter: „Du hast es wirklich eilig, hmm?“

„Jajaja,“ sagt er, während er auf das Handy guckt.

„Ich finde E-Roller den Gipfel der Unverschämtheit“, sage ich, „stehen überall rum, das Geschäftsmodell basiert auf der Ausnutzung prekärer Arbeitsverhältnisse, und Energie fressen sie auch noch!“

Günther beteuert, dass ich da völlig recht habe, aber ich komme gerade richtig in Fahrt: „Und außerdem… “, sage ich mit dem Smartie in der Hand, „sind in München die Ubahn-Stationen höchstens…. HÖCHSTENS! … einen Kilometer weit auseinander. In der Regel jedenfalls.“ Das habe ich schnell gegoogelt, während Günther versuchte sich von der App abzumelden, damit unser Gespräch für ihn kostenfrei bleibt. Kostenfrei! Wenn ich das schon höre. Jedenfalls kommen die demzufolge maximal zurückzulegenden 500 Meter – meist sind es ja eh weniger – auch noch meinem und jedermanns 10.000-Schritte-Ziel näher, an das mich meinen Uhr mehrfach erinnert. „So viel Zeit muss sein“, schließe ich.  So. Das sitzt. Scheiss-Roller.

„Schon,“ sagt Günther, „aber meine HNO-Ärztin vergibt Termine im 8-Minuten Takt. Da muss man pünktlich sein, man hat ja Verpflichtungen als Patient.“
Ich staune. 8 Minuten für Untersuchung und Diagnose, evtl. Krankschreibung?
„Da bleibt für die Begrüßung nicht viel Zeit“, schätze ich.

„Genau. Am Besten ist auch, man schickte seine Symptome online und gibt eine mögliche Diagnose vor. Dann tut sie sich leichter, das vorbereitete Rezept gleich zu unterschreiben,“ sagt Günther und wedelt mit einem rötlichen Blatt Papier. „Gibt’s im Internet blockweise, allerdings ab 250 Stück, Brauchst du welche?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ah. Schade. Ich hab‘ jedenfalls eine Stirnhöhlenentzündung diagnostiziert, Sinusitis, Das zieht sich. Im empfehle mir Nasenspülungen mit Salz. Die mag ich aber nicht, daher muss ich wohl wieder auf dies Sinupret zurückgreifen. Konservativ.“ Sein Handy piept zweimal. „Ich muss weiter. Verpass‘ ich den Termin bekomme ich erst in 12 Tagen einen neuen.“ Während er das sagt startet er seine App, tritt den Roller an, und pflügt um haaresbreite eine Oma im Rollator um.

Als ich ihm hinterher sehe kommt mir in den Sinn, dass diese grünen Bio-Mülltüten nichts in den Biotonnen zu suchen haben, weil sie nicht im vorgegebenen Zeitraum von drei Monaten auf der Kompostieranlage verrotten – sie haben keine Zeit.

Ich drehe mich zur Hofpfisterei. Es ist 4 Minuten vor 17 Uhr. Im Verkaufsraum stehen bereits reglos fünf Käufer, die andächtig schweigen. Der Verkäufer steht ebenfalls ruhig hinter dem Tresen, wechselt erwartungsvoll die Handschuhe, greift von hier nach da, räumt sinnlos kleine Gegenstände von hier nach da. Die Kunden schauen in alle Richtungen, nur nicht sich gegenseitig an. Schweigen. Das Klingeln der Türglocke begleitet mein Eintreten. „Möchten Sie was?“ fragt der Verkäufer. Ich deute auf die Kunden vor mir. „Die warten alle.“ sagt er, „um Fümf gibt es Brot zum halben Preis.“ Ich warte mit.

Die Hofpfisterei ist die einzige Stelle in München, in der man gemeinsam schweigend herumstehen und der verfließenden Zeit zusehen kann.

 

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