Mein Leben als Zauberer I

„Verdienen Sie damit Ihr Geld?“ Diese Frage gehört schon zu besseren. Oft wird gefragt: „Kommen Sie zum Geburtstag meines Sohnes?“ oder „Zersägen Sie auch Jungfrauen?“ Ab und an kommt die Zusatzfrage, ob es Jungfrauen überhaupt noch gibt, höhöhö. Aber – immerhin.

Kürzlich saß ich ne ganze Zeit mit vielen anderen in einem Etablissement fest. Alle freuten sich allabendlich über Zerstreuung. Die einen spielten anspruchsvolle Kartenspiele wie Uno, die anderen guckten Fußball (wenns denn kam) und drohten dem Meist-Kommentierer vorsorglich Prügel an, sollte er das nächste Spiel wieder so viel kommentieren, was der Kommentator kommentierte.

Ich sah diesen Aufenthalt als gute Möglichkeit mal wieder zu zaubern, so ein dankbares Publikum findet man selten. Ich sammelte, was ich mir so am Tisch vorstellen konnte, in den Hosen- und Hoodietaschen und legte los.

Die Resonanz war überwiegend sehr befriedigend und reichte von der schmeichelhaften Geldfrage bis hin zur ebenfalls nicht so selten gestellten Frage, ob ich die Zukunft sehen könnte („Nein kann ich nicht, außerdem würde ich dann ja die Zukunft beeinflussen.“ „Kannst du dann vielleicht mit den Toten sprechen?“ Um Haaresbreite wäre ich in Trance verfallen. Ich nahm statt dessen einen Schluck Weissbier.)  

Achja, die Frage nach dem Geld verdienen. In diesen Momenten scheint es so einfach zu sein, so klar. Aber das Heft „Berufsbilder: Zauberer“ verweist ausdrücklich auf miese Arbeitszeiten („Immer wenn du mit Deiner Familie eigentlich gerne auf dem Sofa sässest.“ Und spricht von unsicheren Einkünften und wasweissichnochalles. Aber es wäre schön. Ein schöner Traum. Aber eben ein Traum.

Wieder zu Hause entdeckte ich in den unendlichen Weiten des Video-Streaminganbieters eine Doku über vier Zauberer (in den USA). Die war anfangs ganz unterhaltsam, als es dann daran ging die Familien (also Eltern) zu besuchen, die Hochzeit des einen zu begleiten, und mir einfiel, dass der andere mittlerweile wegen des Besitzes von Kinderpornos im Knast saß, hielt ich nicht mehr lange durch. Ich folgte mit dem staunenden Publikum dem nächsten (Karten-)Zauberer, der mit seinem Mittelklassewagen, in den er den klappbaren Zaubertisch so mit Mühe und Not reinpresste, auf einer Tournee durch die Zauber- und Scherzartikelläden des mittleren, einsamen Westens der USA tourte um dort Kartentricks an das staunende Publikum zu verkaufen. (Warum sind Zauberfachgeschäfte so oft mit Scherzartikelläden verbunden?). Gruselig. Er durfte dann in die Kamera sagen, dass er mit diesem Job echt glücklich sei, liegend auf dem Motelbett. Nur über eine ihm oft gestellte Frage mokierte er sich: „Womit verdienen Sie ihr Geld wirklich?“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s