Die Ahnen-Reihe führt zum Ikea-Bröt

Neulich las ich ein Buch in dem erklärt war, wie großartig es ist, dass ich geboren wurde.
Was natürlich stimmt.

Aber gemeint war nicht ich, sondern der Leser dieses Buches als solcher.

Also ist es toll, das ne ganze Reihe von Leuten geboren wurde, auch ich, weil ich das Buch gelesen hab. Das heißt, nicht weil ich das Buch gelesen hab. Das macht mich bzw. den Leser nicht zu etwas besonderem, sondern die Tatsache, dass es eine schier endlose Ahnenreihe (an deren momentanem Ende ich stehe) geschafft hat mindestens bis zur Geschlechtsreife und zur folgenden Zeugung eines anderen Ahnen von mir zu überleben. Wenn man sich das menschliche Leben so in den letzten sagen wir tausend Jahren ansieht eine wirklich nicht zu unterschätzenden Leistung.

Danke Ahnen.

Wie ich da jetzt so drauf komme? Wegen des Ikea-Brotes. Das ist ein Brot, dessen Name nicht etwa Bökör lautet, sondern Brötmix. Das fand kürzlich beim Versuch 100 Teelichter ohne Hotdog zu kaufen seinen Weg in den Einkaufswagen.

Zwar lese ich sehr gerne Bericht über die Inhaltsstoffe der fertig angelieferten Brotmischungen, die das Brot so schön flauschig machen, sehe die vorproduzierten Teiglinge (allein das Wort!) die nur noch aufgebacken werden und alle gleich schmecken, egal wo und was man kauft. Das ist hier relativ einfach nachzuvollziehen, weil wir in einer Art Brennpunkt leben, mit mindestens vier Bäckereien. Genaugenommen sind es allerdings eher Brotverkaufsstellen, in denen selbst das Personal die wundervoll kreativ-exotischen Namen der Produkte abliest, weil es die Laibe weder er- noch überhaupt kennt.
Das ist allein deshalb schade, weil Zeitzeugenberichten zu folgen diese Verkaufsstelle bei uns unten im Haus vor Jahrzehnten zu einer Bäckerei gehörte, deren Backstube im Hof war. Da waren noch Profis am Werk. Die sind wohl von den aufquellenden Backmischungen verdrängt worden.

Und das finde ich schade, weil einer meiner Ahnen die mit Sicherheit allerbesten und größten Brötchen in Oberschlesien buk. Das konnte ich ebenfalls einem Zeitzeugenbericht entnehmen, wenn auch einem möglicherweise familiär gefärbten. Also verfüge ich über eine tiefe Affinität zum Backen, genetisch, als Nachfahre eines Profi-Bäckers.

Nun bäckt mein Bruder – logischerweise ist er ebenfalls genetisch belastet – auch Brot. Das sogar so gut, dass er in seinem Dorf seiner Stadt das Brot als Währung eingeführt hat: Sein Brot gegen diverse kleine Handreichungen. Auf dem Land geht das sicher besser, als wenn ich – nur so als Beispiel – versuchen würde in einer der Brotverkaufsstellen die Sonntagmorgen-Semmeln gegen ein halbes, selbstgebackenes Brot zu tauschen.

Dort auf dem Lande geht das vielleicht auch, weil der einzige im Ort in der Stadt ansässige Bäcker vor ein paar Jahren dicht gemacht hat und nur noch zur Weihnachtszeit Dominosteine produziert, von denen wir im fernen Süden auch immer einen Stapel bekommen. Das ebenfalls ansässige Schuhhaus floriert interessanterweise. In einer 687 Einwohner-Stadt. Marktwirtschaft mag verstehen wer will.

Das brüderliche Brot backen beeindruckt mich schon, es zeugt von Zeit, Muße, Bodenständigkeit, solchen Sachen.

Das finde ich toll.

Zumal in dem anfangs beschriebenen Buch auch steht, wie großartig es ist, dass es Brot überhaupt gibt. Immerhin mussten sich ein paar der Vor-Ur-Ahnen hinsetzen, die Körner aus irgendwelchen Getreiden puhlen, diese zermahlen, mit einer Hefe (woher hatten die die denn?) versetzten, den Teig gehen lassen und das Ganze eine gute Stunde bei 200 Grad auf der mittleren Schiene backen. Das ist für meine Ur-Ahnen schon ne Leistung gewesen.

Das Ikea-Brot ist auch so ne Leistung, das den Weg in den Einkaufswagen für den Fall fand, dass mein Bruder mal nicht so viel Zeit zum Backen haben sollte. Ich wollte es ihm Weihnachten schicken. Da hat man ja oft nicht so viel Zeit.

Das Brot ist so ein bisschen wie ein Überraschungsei: erstaunlich verpackt, kurze Anleitung, und man ist ganz gespannt, was am Ende rauskommt. Übrigens ohne Imbusschlüssel (ok, der war jetzt billig). Und toll, dass ein Bäcker-Ingenieur ein Brot in Pulver-Form in ein Tetrapack bekommen hat. Das ist nämlich die Verpackung, in die es nur soundsoviel warmes Wasser zu füllen gilt, schütteln (45 sec., nicht etwa eine Minute, nein 45 Sekunden) in die längliche Backform, von der man nie so genau weiß, wofür sie eigentlich da ist, füllen, ein bisschen warten, backen, warten, essen.  

Zwischen drin davon bei Facebook Fotos posten.

Obwohl man auch dabei Fehler machen kann, also beim Backen meine ich, auch wenn man beim Facebooken auch Fehler machen kann. Mein Bruder bekam diesen Backpack dann doch nicht (andere Geschichte), es lag hier lange rum, bis ich mich nun endlich als Brotbäcker versuchen wollte, und sei es mit eben dieser Backmischung. Schon beim einfüllen merkte ich, dass das Wasser nicht auf den tiefen Grund des Tetrapacks gelangte, und so oben im Tetrapack eine dünnflüssige Teigplörre drohte, unten dagegen knochentrockener Teigpulverpuder-Bodensatz.

Als Nachfahre eines Bäckers erkannte ich das Problem und stocherte mit einem Kochlöffel im Tetrapack herum, was natürlich die die 45 Sekunden-Maßgabe schrottete.

Am Ende jedenfalls war ein nicht aufgegangener Teig in der der Form, es buk, das Backpapier klebte fest, das Brot endete schließlich im Biomüll, aber erst nach dem ich zwei, drei Berichte im Internet gelesen hatte, wie super das Brot so schmeckt und wie leicht es zuzubereiten ist.

Noch am Abend mischte ich Mehl, Hefe, Salz, Wasser, lies den Teig über Nacht im Kühlschrank (jajaja), knetete ihn am nächsten Morgen durch, machte zehn Brötchen drauß und buk diese. Als meine Familie an den Frühstückstisch kam – angelockt vom herrlichen Geruch frischer Brötchen und Kaffee- , um die ersten wirklich selbstgemachten Frühstücks-Brötchen zu essen, hörte ich im Hintergrund den Chor der Glücklichen singen, ja, jubilieren:

„Wie schön, das du geboren bist!“

2 Gedanken zu „Die Ahnen-Reihe führt zum Ikea-Bröt

    • So mein Lieber, das hat jetzt ein bisschen gedauert, weil ich mich erst mit mir auf eine Argumentations-Linie festlegen musste: Nun ist sie aber hier und da. Da meine Nachkommin definitiv nicht geschlechtsreif ist, zählt sie im Sinne des Textes nicht. Damit stehe ich noch das ein oder andere Jahr am Ende der Kette. Wenns denn dann soweit sein wird, eines sehrsehr fernen Tages, dann werde ich gerne abtreten von der Endposition und sie mit einem großen Bohei an die dann nicht mehr so Kleine weitergeben.

      So soll es sein!

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