Auch die Einsamen dieser Welt sind nicht mehr wie früher

Die Welt ist unübersichtlich geworden, heute, anders als früher.

Ich verstehe nicht, wie eine Nation offenbar aus Versehen aus einem Staatenbund austeigen kann, ob Griechenland nun so oder so gerettet wird – oder gar nicht, und wenn ja von wem, ob die Polkappen schmelzen, mein mühsam abgespültes Plastik wieder verwendet oder im Heizkraftwerk verbrannt wird.

Ich verstehe nicht mehr wer genau die prokurdischen, aber gegen Rebellen-Syrer kämpfende Sowieso-Front unterstützt und wer sie bekämpft, wo sie doch gemeinsam gegen die IS kämpfen, der angeblich von Teilen der Bevölkerung doch irgendwie super gefunden wird. Ich versteh kaum noch warum in einer Stadt ein Päckchen innerhalb einer Stunde nach der Bestellung ausgeliefert sein muss, von einer armen Sau, die nun nur die Treppen rauf und runter rennt, unter anderem weil sie schnell ihr Paket-Auto woanders hinfahren muss, um Platz für den anderen Paketdienst und einen der Lebensmittel-Lieferdienste zu machen, vorausgesetzt, er ist nicht gerade vom Pizza-Service eingeparkt.

Von Amerika will ich gar nicht anfangen.

Die Welt ist unübersichtlich geworden für einen alten Mann wie mich. Früher, ja früher, da stand der Feind einfach noch im Osten. Da haben wir hingeguckt, die haben zurück geguckt, und damit war es gut.

Heute ist nichts mehr, wie es mal war.

Heute etwa ging ich nach der Arbeit erst zum Buchladen auf der anderen Seite des Platzes an dem wir (fast) wohnen. Auf diesem Platz haben jene Platz gefunden, die sonst kaum einen anderen Platz haben und teilen dort gemeinsam mit anderen merkwürdigen Gestalten ihre Einsamkeit.

Sie sind harmlos, trinken Bier, ab und an krakeelt einer herum. Kein Vergleich mit randalierenden Fußball-Fans etwa. Das schlimmste ist, das sie in die Büsche und hinter die wenigen  Bäume pinkeln, das ist nicht so schön. Alles in allem … nun  … gehören sie irgendwie dorthin.

Als ich nun also heute den Platz querte, schon im Dunklen, tippte ich noch schnell die auch ziemlich überflüssige Info an Tarzanstochtermutter, das ich nun gleich zu Hause wäre – was sie dann auch gleich erleben würde, ganz ohne SMS.

Sonst mache ich beim Gehen auch wenig anderes als gehen, heute aber tippte ich eben – auch das ist nicht mehr wie früher (wobei es zu der vorhin beschworenen Zeit, zu der ich gebannt in den Osten starrte, gar keine andere Beschäftigung beim Gehen gab, außer vielleicht noch singen, was ich aber nicht so gern getan hab.).

Als ich dann aufsah hätte ich fast eine der Gestalten überrannt, die eben auf diesem Platz sind, eine Frau, älter, dicklich, ungepflegt, wie sie eben sind. Ich ärgerte mich über meine Unachtsamkeit, und machte das mit den besonders weit geöffneten Augen wieder gut.

Und bemerkte sehr wohl den Mann, der in etwa in der Mitte des Platzes saß, auf der Bank, die zwei Meter hohe Hecke im Rücken schirmte das Licht der Straße ab, deshalb musste er das Buch schon sehr vor die Augen halten; ob er eine Bierflasche in der Hand hatte habe ich nicht gesehen, zu sehr war ich von diesem im Dunklen lesenden Mann überrascht.

Ich ging weiter mit meinem Buchpaket unter dem Arm, und erreichte, immer noch mit offenen, aufmerksamen Augen, die letzte Bank auf dieser Seite, kurz vor dem Ende des Platzes. Auch dort saß ein abgewirtschafteter Mann, eine Bierflasche neben sich.

Sein Gesicht war von einem Kindle beleuchtet (oder auch einem Tolino).

Auch die Einsamen dieser Welt sind nicht mehr wie früher.

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