Das Auto zum Kinde

Es ist ja erstaunlich, wieviel Geld die Menschen auf den Tisch legen, um ein Gefährt zu haben, mit dem sie zum Zeitungholen fahren, oder zum Semmelnkaufen. Und dieses Wunderwerk der Technik, das teure, dann auf der Straße rumstehen lassen. Im Hagel, im Regen, im Sturm. Vor den Chaoten aus dem Stadion. Das muss man sich mal vorstellen. Da stehen dann teuerste Autos am Straßenrand, eins nach dem anderen. Tarzansbruder vom Land irgendwo in der Mitte der Republik meint, ……. die Autos sehe er das ganze Jahr über nicht, die hier am Straßenrand rumstehen. Und irgendwie ist es ja schon erstaunlich, dass sie am nächsten Morgen immer noch da stehen, und dass die Leute ihr Sauererspartes dort einfach parken. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Und was sie nicht alles können: Immer öfter sehe ich, wie sich die Außenspiegel blinkend anlegen, wie Ohren, die sich schützend um den Kopf legen. Toll. Und dem Fahrer sagen, dass es regnet, und schon mal vorsorglich den Scheibenwischer an machen, oder es behaglich warum machen im Auto im Winter. Rechtzeitig, damit die Fahrt zum Bäcker auch mollig warm von statten geht. Wie ist das früher bloß gegangen?

Und bald sollen Autos von alleine Fahren können. Dann muss ich nicht einmal mehr mit, wenn es darum geht die Zeitung zu holen. Das Auto sucht sicher schon die richtige Zeitung aus, die, die für mich gut ist. Geklärt werden muss nur, wie die Zeitung vom Auto in die vierten Stock zu uns hoch kommt. Oder die Brötchen.

Und ahja, was das mit meinem Selbstverständnis als Mann macht, wenn ich meinen Fuchsschwanz nicht mehr aufhängen kann, das ist schon auch noch ungeklärt. Da sitzen bestimmt schon die Therapeuten und bereiten die Fahrer darauf vor, dass bald das Auto droht: ‚Noch musst du mich betanken. Aber bald brauche ich Dich nicht mehr, Zeitung und Brötchen hole ich selber.‘ Da haben wir dann den Salat.

Und wer bremst so richtig vor der Ampel, dass den Fußgängern der Angst- und Panikschweiß aus allen Poren bricht? Wer drückt so richtig auf die Tube, dass der angebohrte Doppelauspuff röhrt, und der miefige Typ in seinem Schrotthaufen auf der Nebenspur, also der Looserspur, sieht, wo der Bartel das XXL-Superbenzin kauft??? Oder wer fährt dann mit lässig runtergekurbeltem … ähhh … runtergefahrenem Fenster den Boulevard der Stadt rauf und runter, um den schönen Frauen zuzuwinken? Das Googel-Car schließt bestimmte aus der in den letzten Minuten gefahrenen Route, dass es sich um Spassfahrten handelt, die nicht weiter unterstützt werden. Daher suche das Auto jetzt einen Parkplatz auf.

Unser Auto war ja immer relativ… RELATIV … weit vom selbstfahrenden Auto weg.

Meine Autosozialisierung führte über alte Gebrauchtwagen, einen neuen Wagen gab es in unserer Familie nie. Vermutlich bin ich deshalb auch Neuwagen gegenüber nicht besonders offen. Meine ersten Autos waren auch Fahrzeuge, die eben hergingen. Gerne denke ich an den Ford Taunus zurück. Aber ähnlich wie man an seine erste Wohnung denkt: War dufte – damals! Heute wollte ich nicht mehr einziehen, oder mich am Ende gar reinsetzen. Oder in den Fiat 125, den man mit Hilfe einen Besenstiels starten konnte, um nicht zu sagen, musste. Und in dessen Heckscheibe auf der Autobahn so gerne der Mercedesstern der Lastwagen auftauchte, die überholen wollten, und zu diesem Zwecke recht nah an den Fiat heranfuhren. Rechtrechtnah.

Als Tarzanstochter zur Welt kam, hatten wir einen zweitürigen Golf II. Ein prima Auto für die Stadt, für zwei Personen, mehr brauchten wir nicht.

Dann kam Tarzanstochter.

Der Kinderwagen passte noch prima in den Kofferraum. Die Babyschale stand meistens vorne, unter anderem, weil es im Zweitürer eben einfacher ist, Tarzanstochermutter auf die Rückbank zu verfrachten, als das Kind.

Aber es sollte dann doch auch der Kindersitz her. Also fuhren wir in den Babymarkt (den größten Süddeutschlands, oder der Region, oder der Stadt oder im Südosten der Stadt), und lernten den Mann kennen, der wie kein anderer Mensch seine Erfüllung darin gefunden hat, jungen Eltern (oder auch älteren) die Befestigung des Kindersitzes im Auto zu erläutern. Das war der Wahnsinn.

Selten habe ich erlebt, dass ein Mensch mit einer solchen Inbrunst die immer gleichen Handgriffe erklärte, wieder und wieder. Am Samstag im Babymarkt der Stadt. Irgendwann erklärte er es uns, und fragte erst, ob wir Isofix hätten. Ich hörte den Begriff zu ersten Mal, und naja – vereinte. „Oh!“ sagte der Engagierte, und erklärte den Kindersitz ohne Isofix. Dann fragte er doch noch mal:

„ Was haben Sie denn für ein Auto?“

Golf Zwo sagte Tarzan.

„Oh!…oh….“ sagte der Engagierte, und es klang wie „Es tut mir leid, dass ich Witze über Ihre geliebte Religion gemacht habe.“ Offenbar gehört zur Erstausstattung der modernen Familie nicht nur Kinderwagen und ein Satz Windeln, sondern auch der neuen Van. Naja, bei den meisten.

Wir kauften dann einen Kindersitz, der auch mit dem Golf II kompatibel war. Und zugegebener maßen, war es schon einen gewisse Kunst, Tarzanstochter auf dessen Rückbank zu verfrachten. Ich glaube Tarzantochtermutter leidet bis heute an den Rückenproblemen. Da traf es sich gut, das erst der TÜV mal wieder fällig wurde, und dann auch noch eine Frau dem Golf die Stoßstange abfuhr.

Die Stoßstange gab dem Golf quasi den Todesstoß. Das begriff auch Tarzanstochter, die so etwas damals gerade schon begreifen, aber kaum verstehen konnte. Für sie war lange Zeit klar, das eine kaputte Stoßstange zu einem neuen (anderem) Auto führte.

Später hatte uns ein Mann von eben diesem neuen, anderen Auto (klaro: Kombi! Ford! Also fast schon Van.) beim Einparken die Stoßstange geschrottet: Tarzanstochter wollte sofort ein noch neueres, anderes Auto.

Offenbar hatte die Frau von der Versicherung des Unfallgegners ein ähnlich einschneidendes Erlebnis in der Jugend gehabt. Sie fragte uns zwei Mal, ob wir den Ford nicht gleich verschrotten wollten.

Viel später wurde der Wagen dann auch quasi verschrottet.

Der neue, neue andere hatte echt viele Knöppe, die sogar überwiegend funktionierten. Das fand Tarzanstochtermutter super. Tarzanstochter fand die Becherhalter hinten sensationell. So entscheidet man heute über Autos.

Da wäre noch etwas, was selbstfahrende Auto auch tun könnte: Zum richtigen Zeitpunkt zum Schrottplatz fahren, sich dort abstellen, die Bank anrufen, mit dem Geldautomaten einen neuen Kredit vereinbaren, und dann warten, dass jemand die vielenvielen kleinen Knöppe ausbaut und wieder verwendet.

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