„Alle Kinder haben Läuse, bis auf die 3B!“

7.58 Uhr fährt die Ubahn los. In der Schulzeit. Das steht auf dem Fahrplan. Ansonsten fährt die Ubahn zwei Minuten früher. Mir ist dass an sich wurst. Ich gehe hinunter, wenn ich soweit bin. Im schlimmsten Fall muss ich zehn Minuten warten, meistens weniger.
Aber seit ich das auf dem Fahrplan gelesen haben, frage ich mich was die „Schulzeit“ ist: Jeden Tag von 7.30 Uhr bis 9 Uhr? Montag bis Freitag? Immer außer in den Ferien?

Ich könnte Thomas mal fragen. Ich treffe ihn jeden Morgen da unten. Er bringt – wie ich meines – sein Kind zur Schule, und kommt dann runter. Manchmal steht er schon da, manchmal ich. Ist er gar nicht da, wundere ich mich und frage mich, ob sein Sohn krank ist.

Wir plaudern da unten über dies und das, über Dinge, die man eben besprechen kann, montags morgens im Winter oder im Sommer, bis zum Hauptbahnhof, da steige ich um. Janosch lässt an irgendeiner Stelle einen Helden sagen, sie redeten über die Honigpreise. Das tun wir auch.
In der Ubahn sitzen bereits Thorsten und Johannes, sie steigen eine Station früher ein. Nett wie sie sind geben sie jeden Morgen ihre Plätze auf, um sich zu uns zu stellen, und am Smalltalk teilzuhaben.

Honigpreise eben.
Jeden Morgen.

Richard gehört ebenfalls zu diesem Ritual. Sein Sohn ist auch in dieser Grundschule, aber diese Familie ist anders als unsere. Das geht schon damit los, das Richard (mit dem Schulranzen seines Sohnes auf dem Rücken) morgens in die Schule läuft – den Sohn an der Hand. Jeden Morgen. Im Anzug. Ich weiss nicht warum. Da sie uns überholen, hätten sie genügend Zeit.
Wer weiss schon, was die Leute antreibt?!

Oft genug kommt Richard erst nach mir an den Ubahnhof. Wer weiss, was er in den wenigen Minuten dazwischen tut. Meisten geht er im Ubahnhof starren, gesenkten Blickes an mir (und manchmal auch an mir und Thomas) vorüber. Er steigt immer vorne ein. Er ist alles andere als ein Kommunikationswunder.
Wenn ich es recht bedenke: Eher das Gegenteil.

Ich kenne Richard und seine Frau schon aus dem Kindergarten – also dem in dem unsere Kinder waren. Damals fielen sie mir nicht weiter auf: Bei Richard kein Wunder, er ist eben sehr in sich gekehrt, oder tut sich schwer mit anderen Kontakt auf zu nehmen, ich schätze er arbeitet in einer Personalabteilung. Sie traf ich unter anderem mal im Schwimmbad. Sie mit ihren Kindern ich mit dem meinem.

Das ist ja schon eine komische Sache so im Schwimmbad, nur in der Badehose und dann Smalltalk machen. Sie wählte das Thema Läuse, gerade hatten die Kinder welche. Sie schilderte mir die sehr aufwändige Prozedur, die sie an ihren Kindern, den Kuscheltieren, der Bettwäsche, sich selbst und ihrem Mann vollzog.

Wir sind da entspannter. Das Kind bekommt den Kopf mit diesem Zeuch gewaschen und gekämmt – dann ist gut. Sie konnte das nicht glauben, dass weder meine Freundin noch ich die Läuse von Tarzanstochter bekommen. Und die Wohnung nicht großflächig desinfiziert wird.

Sie konnte das nicht fassen.

Ich hab ein loses Mundwerk. Ich bot ihr an, auf meinem inzwischen ohnehin ausgedünntem Haupte nachzusehen.

Das ist schon komisch so mit Fremden in der Schwimmhalle, in der Badehose, und dann kommt da ne Frau auf Dich zu, mit ausgestreckten Händen und will nach Deinem Kopf greifen.
Das ist schon komisch.

In der letzten Sekunde fand sie das auch, und hörte auf bzw begann gar nicht erst mich zu lausen.

Wochen später traf ich sie im Hort. Sie versuchte mich erneut in ein Gespräch zu endgültigen Vernichtung von Läusen zu verwickeln. Es gab Ideen wie mit der eigens bestellten Läusebeauftragten, die morgens die Kinderköpfe prüfen sollte.

Richrads Frau versuchte es mit Sätzen wie: „Du. So als Vater, was hälst du davon?“ Ich halte gar nix davon, 90 Schulkinder von einer Person auf Läuse untersuchen zu lassen. Morgens. Sie aber scheint einen echten Horror vor diesen fiesen kleinen Tierchen zu bekommen. Und ist offenbar jederzeit bereit jeden in ein entsprechendes Gespräch zu verwickeln.

Über solche Dinge sprechen Thomas und ich morgens jedenfalls nicht. An der Ubahn.

Es ist sinnlos.
Es ist früh.
Wir reden eben über die Honigpreise.

Auch an jenem Morgen. Wir sahen Richard die Rolltreppe herunter fahren, und achteten nicht weiter drauf, er geht ja immer vorbei.

Aber an diesem Morgen schritt er DIREKT und ZÜGIG auf uns zu.

Er reicht uns die Hand, und fragte sofort in einem Ton, die ich das letzte mal bei der Bundeswehr gehört habe:
„WAS GIBTS NEUES?“

Es war der Morgen nach dem Bayernspiel gegen Rom, das die Bayern irgendwie sensationell gewannen. Daher sagte ich:

„7:1“

Er konterte: „ ALLE KINDER HABEN LÄUSE, BIS AUF DIE 3 B!“ Und verschwand. Er fährt ja immer vorne in der Ubahn mit.

Thomas und ich waren etwas sprachlos. Was soll man auch sagen, wenn alle Kinder Läuse haben? Bis auf die in der 3 B?

Thomas sagte nach einer gewissen Zeit: „Das war ihm jetzt aber wichtig!“
Ich nickte.
Unsere Kinder hatten jedenfalls keine Läuse. Ich überlegte, ob ich so subtil wie möglich  sagen sollte: „ Du, Richard, bei euch ist es nicht sooo sauber, oder?“

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