Nachts auf dem Oktoberfest

Es gibt Tage, die sind in sich bereits skurril, fast surreal. Neulich (der Kenner liest es aus den Indizien: Es war Ende September.) war ich mit den Kollegen auf dem Oktoberfest. Das allein ist nicht surreal, obwohl einem das ein oder andere dort Erlebte doch so vorkommen mag.
Es regnete.
Ich tu‘ mir mit solchen Veranstaltungen inzwischen schwer; es ist laut im Festzelt, hinterher stinken die Kleider, der (oder die) ein oder andere schämt sich am Tag danach im Büro, den früher so herrlich betäubenden Alkohol vertrage ich auch nicht mehr (DAS IST SURREAL).

Also ging ich beizeiten.

Es war schon lange dunkel, es regnete einigermaßen stark, auf dem Weg über den Festplatz zur Ubahn war nicht mehr viel los. Aus der Dunkelheit vor mir tauchte einer dieser Lebkuchenherzen-Stände auf, seine Lichter spiegelte sich ein bisschen auf dem feuchten Asphalt. Fast wie im französischen Art déco Film.

In meinem mittelmäßig von Alkohol durchfeuchteten Hirn regte sich noch der Gedanke: „Du hast Tarzanstochter ein Lebkuchenherz versprochen!“ Also hielt ich meinem Lauf inne, schlüpfte unter die schmale Markise und fing an die herunterhängenden Herzen nach einem passenden durch zu blättern.
„Willst du mich heiraten?“
„Mein Herzibobbi“
„Die beste Mutter der Welt“.
Die meisten dieser anspruchsvollen Sinnsprüche passten nicht. Das bemerkte auch ein Verkäufer, der unauffällig und quasi arbeitslos (das Wetter!) in der Nähe stand, bereit um nach einer Entscheidung schnell die Schere zu zücken, das Herz abzuschneiden, und den Käufer abzukassieren.

Er fragte: „Kann ich helfen?“
„Nein…“, murmelte ich blätternd und auskunftsfreudig wie ich bin, und „…meine Tochter weiß nicht so recht, ob sie mehr Junge oder mehr Mädchen sein will: Spielt Fußball, hat recht kurze Haar, ist aber auch intensiv an den Puppen.“ Ich brummelte das so vor mich hin, um deutlich zu machen, das weder rosafarbene Putzimutzi-Töchterlein-Herzen in Frage kämen, noch Auto-Monster-Herzen. Schon gar nicht „Super-Maus“, „Meine Zauberfee“ oder so was.
Wofür ich mich letztlich entschied weiß ich nicht mehr, aber es war neutral. Genaugenommen war es auch einigermaßen egal, das Herz würde ohnehin in wenigen Minuten verputzt werden.

Der Verkäufer, leicht bebartet, schlank, mittelgroß, also unauffällig in seiner ganzen Erscheinung, schnitt und kassierte.
Als er mir das Wechselgeld geben sollte, zögerte er.
Ich fragte, ob etwas nicht stimme?!
Er fragte: „Ihre Tochter … die weiß nicht so recht…?“
„Och…“ sagte ich, „..sie ist halt keine Rosa-Marketing-Lillifee-Type, sondern was eigenes.“ Kein Grund zur Sorge, nicht einmal zum Nachdenken.

Es regnete, wir waren allein auf dem düsteren Oktoberfest, allein an einem bunten Stand Zuckerguss, im kalten Herbstregen.
Ich plapperte weiter: „Wieso? Haben Sie auch eine Tochter?“
„Nein“, sagte er, „ich bin selbst betroffen.“
Es regnete, die bunten Lichter das Getöse der Wiesn wurden vom Regen gedämpft. Es war kaum ein Mensch unterwegs.
Ich nahm mein Wechselgeld, wünschte viel Glück, und schwankte in Richtung Ubahn. Lekuhe

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