Mit dem R16 nach Kiel

Meine Großeltern waren irgendwie auch ziemlich lebenslustig. Ab ungefähr ihrem 65. Lebensjahr feierten sie unentwegt irgendwelche Feste, zu denen die gesamte Familie anreisen musste. Es konnte ja das letzte sein, drohten sie den einen; hofften evtl. die anderen.

Die meisten anderen Familienmitglieder wohnte im Umkreis von wenigen zehn, zwanzig Kilometern. Wir wohnten etwa 900 Kilometer entfernt.

Und hatten einen R16.

Um den Wagen zu beschreiben reicht es, darauf hinzuweisen, dass er ganz ohne Kopfstützen auskam. Also auch ohne jede Anbringungsmöglichkeit von Videosystemen. Wir drei (!!) mussten uns auf diesen Fahrten mit uns selbst beschäftigen.  Bis wir in Kiel waren. Oder zumindest so lange bis mein Vater anfing zu brüllen, dass er gleich da hinter langen werde. Dann hatten wir uns zu intensiv mit uns selbst beschäftigt.

Das tat er dann auch, nach hinten langen, mit dem einen Arm und wild herum rudernd, was alles in allem am meisten mich traf, saß ich doch als kleinster immer in der Mitte. Versuche ich heut die Geschwindigkeit des R16 zu schätzen: Es war sicher 80 km/h, als er nach hinten langte. Immerhin konnte er mit dem anderen Arm und dem Kopf weiter vorne bleiben und uns über die Autobahn karren.

Bis Hildesheim oder Kassel. Da machten die Autos meistens schlapp. Wir waren nicht im ADAC, wir waren bei der Bundeswehr, die uns dann gerne barg (bergte? bergen tat?). Der Austauschmotor lag in den meisten Werkstätten bereit, solche Pannen kannten sie da in den Kassler Bergen in den wilden 70er Jahren. Vermutlich haben sich meine Brüder deshalb in Kassel angesiedelt.

Als wir dann in Kiel ankamen, mussten wir praktisch sofort Doppelkopf spielen. Am liebsten mit jenem Onkel, der nach jedem Spiel ausführlich jedem Spieler erklärte, warum er an welcher Stelle die vollkommen falsche Karte gezogen hatte, und – natürlich-  welche besser gewesen wäre.

Da rentierten sich die Schläge während der Autofahrt.

Heute gibt’s solche fröhliche, kurzweiligen Familienfeiern ja gar nicht mehr. Freund Andreas erzählte, als Frühgebärender, gerne von den Geburtstagen seiner Kinder. Das ist inzwischen der Höhepunkt im Jahreskreis. Die Erzählungen endeten immer mit den Worten „… und am Schluß haben alle geweint.“

Ich brauchte ein eigenes Kind, um zu verstehen. Verstanden habe ich bis heute nicht, was der Spruch „Das ist doch kein Kindergeburstag, hier!“ bedeutet?! Soll er zeigen, das es nix härteres als einen Kindergeburtstag gibt? Alles dagegen verblasst?

Inzwischen haben wir soviel Übung, dass es gelingt, die  Balance zu halten, und Konzentrationsspiele und Chaosspiele und „Stille Post“ anzubieten (Bestes Wort: „Pipikakapippikakaka!“ und so lustig! Seit Jahren.). Wir gelten sicher als erzkonservativ bis reaktionär und geizig im Elternkreis. Immerhin gibt es Mitgebsel sogar bei uns.

Denn andere Eltern investieren gerne in die unvergesslichen, individuellen Momente der organisierten Fete. Erst kürzlich war Kerlchen in der Sternwarte. Und weiss jetzt mehr über den Saturn, als ich je gewusst habe  („Der Planet ist aus Luft aber auf dem Ring aus Eis kann man gehen!“). Davor war sie im Kletterturm, und kam damit schon jetzt höher hinaus, als ich es je geschafft habe. Davor zweimal im Kokoloko, dem Indoorspielplatz unserer Vertrauens vor der Tür. Ahja, die SoccArena, natürlich im vollen Dress.

Überall gab es neben unvergesslichen Momenten vor allem frittierte Pizza und Cola.

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