Das Parallell-Universum am Beispiel des Kindes…

An den Kindern sieht man, wie die Zeit vergeht.

Das stimmt nicht, wie so viele Sinnsprüche, etwa, dass  Spinat viel Eisen enthalte, oder die FDP ne wichtige Partei sei, oder „Abend wird’s, des Tages Stimmen schweigen“. Bei uns nicht. Sicher nicht. Ganz bestimmt nicht.

Eher sieht man an den Kindern, dass es Parallel-Universen gibt, in denen anderen Zeiten zählen:  Unzweifelhaft wächst meine Tochter, und entwickelt sich, von Geburtstag zu Geburtstag ist das zu erkennen, von Saison zu Saison, wenn neue Hosen gekauft werden müssen (erst, weil die alten zu klein waren, jetzt, wo das Wachsen nimmer ganz so schnell geht, leiden die Hosenknie ganz fruchtbar. Die Frau weigert sich, zwei Flicken übereinander auf dem Knie zu platzieren. Vermutlich würde sich die Tochter auch weigern solche Hosen, die heute keinesfalls mehr Lieblingshosen sein können, für die die aber in zehn Jahren viel Geld gezahlt werden wird, zu tragen. Auf alle Fällen müssen immer irgendwie neue Hosen her, warum auch immer.)

Kurz: Die Kinder wachsen schnell.

Ich dagegen bin eindeutig immer noch so sagen wir mal…ähh… Mitte 30. Meine körperliche Kraft ungebrochen, aber die Fragen, die ich dem Leben stelle, sind jeden Morgen unbeantwortet (ich schaute, ob das Leben die Antworten auf dem Jakobsweg versteckt hätte, irgendwo unter einem Stein, oder in einer dieser miefigen, aber authentischen ‚Unterkünfte‘ die an die Provisorien der BR-3-Radltour erinnerten, aber schon seit 20 Jahren so dastehen. In eine absolut original indianischen Schwitzhütte im Dachauer Land guckte ich rein, sogar die vorgeschrieben Minutenzahl netto, also ohne die Reiniungsrituale zuvor; beim  Intensiv-Power-Yoga mit Meditieren nach Indischem Ritus,  in so kleinen Pillen, die mir jemand aus der Disco mitbrachte. Nichts. Nada. Ich bin immer noch 35. Das Leben bleibt die Antworten schuldig.)

Umso erstaunlicher, dass sich dennoch drumherum alles verändert. Beim Kinderarzt springen vermeintlich junge Mütter auf, wenn Namen aufgerufen werden, die sich nicht ausschließlich einer Zeitepoche zuordnen lassen, wie etwa Leonie. Oder Lara, Luna…. KEVIN.

Sitze ich dem Arzt gegenüber, keimt immer öfter der Verdacht, dass der Mann überhaupt nicht studiert haben KANN, so jung wie der ausschaut. Was bei den Kindergärtnerinnen Erzieherinnen ja noch als adrett durchging und ein Hingucker war, wird hier, bei so furchtbaren Erkrankungen wie Husten oder Würmern zum … Hafen leidvoller Odyseen.

Da ists schon gut, wenn man, gebildet durch die eigene, intensive (35jährige) Krankheitsgeschichte, den Keudel und das Internet, dem Jungspund kurz unter die Arme greift. So gesehen habe ich nämlich etwa ein Alter von 67, bin also als Arzt nach langer Berufserfahrung im jenem Endstadium, das die unvoreingenommene Lektüre der Medizinfachheftchen gestattet. Die Zeit hatte ich nie, als ich noch akiver praktiziert hab.

Klar, kann man den jungen Mann  erst die Diagnose stellen lassen. Aber dann sollte man doch zügig darauf hinweisen, was Kerlchen wirklich bedrückt, und welches Medikament besser wirkt, als jenes, das er im Auftrag der Pharmaindustrie gerade auf den Zettel drucken lassen wollte, der Lümmel.

Während der Keudel eine Art „Erste Hilfe“ und Orientierung für den Attend-YourSelf-Doc bietet, ist das Internet ja eine sprudelnde Quelle an Inspiration, Symptomen, Deutungen, Selbsthilfegruppen und Hilfestellungen bis hin zur Online-Apotheke in Venezuela, die das gesuchte und wirklich wichtige Pülverchen gegen das Ohrenweh auch gleich verschickt. Im Container auf dem Schiff, das in nur vier Wochen ablegt. Aber der Lufttransport kommt für so sensible Pflanzenpülverchen – hergestellt von lustig behüteten Indio-Frauen in 4500 Meter Höhe –  nicht in Frage. Da muss man schon Verständnis haben.

Vor allem lässt das Internet nie einen Zweifel daran, dass die Symptome auf eine wirklich schwere Krankheit hinweisen. Eine, die meist von diesen jungen, unerfahrenen Ärzten übersehen wird. Gleichzeitig bietet das Internet den Schutz und die sinnliche Geborgenheit der Selbsthilfeforen, in denen geschimpft (über die jungen Ärzte) und getröstet wird, in denen weitere Top-Online-Apotheken in Uruquay und Kasachstan empfohlen werden. Ganz groß auch die Beschreibungen der schmananischnen Riten, die so allerlei vertreiben.

Zugegeben:.Das gabs früher nicht so: Vielleicht sieht man doch an den Kindern, wie die Zeit vergeht. Das sehe ich jetzt aus meinem Parallell-Universum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s