Danke, ich möchte nix geschenkt – meine Religion verbietet es mir

Geh ich an einem regulären Werktag etwa die üblichen Erledigungen machen (Rezept von der Ärztin holen, Rezept von der Ärztin bei der Apothekerin einlösen, Buch über ärztliche Fehldiagnosen kaufen, Brot holen, Wurst holen, Rest holen) ist Kerlchen anschließend satt und mag kein Salatblatt mehr. Und das alles, weil vor allem Haribo nun diese winzigen Gummibärchen und sonstigen Tütchen auf den Markt geworfen hat, die nicht nur die Geißel der Umwelt geworden sind, sondern auch für die zahllosen dicken Kinder sorgt, die es nach neusten Erkenntnissen nun doch nicht mehr gibt – weshalb Kerlchen wahllos zuschlagen kann.
Das geht so. Bereits bei der Sprechstunden-Hilfe gibt es erst mal ne Tüte Gummibärchen, die noch zähneknirschend akzeptiert wird, da es ja die erste des Tages ist (morgens um 9 Uhr), zehn Minuten später wedelt die Ärztin im Sprechzimmer evor Kerlchens Augen mit einer weiteren Tüte herum und ruft: „Die darfst du haben, weil du so brav gewartet hast!“ Um diabolisch mit gesenkter Stimme hinzuzufügen: „Wenn der Vater nichts dagegen hat“. Toll. Was soll Mann nun sagen? Aber bitte, das Kind ist sportlich, eine weitere Tüte wird ihr nicht schaden.

In der Apotheke greift die Verkäuferin mit beiden Händen unter den Tresen, und begräbt Kerlchen unter einer Lawine aus Traubenzucker (dem so gesunden), Taschentücherpackungen und diesem Heft, das in einer viertel Stunde kleingeschnitten im Wohnzimmer rumfliegt. Nach vier Wochen werden die letzten Fitzelchen eingesaugt. Bis dahin sind längst aktuellere Ausgaben verarbeitet.

Kerlchen lernt. Etwa, dass es in den Geschäften etwas bekommt (zumindest so lange es klein und süss ist. Später lernt es dann die erste Enttäuschungen kennen, wenn es eben nicht mehr so klein und süss ist, und auch keine Gummibärchen-Tüten mehr möchte sondern anderen Stoff, den es aber nicht bekommt. Jedenfalls nicht so ohne weiteres).

Jetzt aber erst in die Buchhandlung. Dort gibt es tatsächlich NUR MEIN BUCH, und eine Dialog an der Kasse:

Verkäuferin: „Hier unterschreiben!“
Kerlchen: „Warum bekomm‘ ich hier nix, Papa?“
Vater: “Keine Ahnung. Man muss ja nicht immer was bekommen.“
Verkäuferin: „Was will sie denn? Sie haben doch das Buch bekommen?!“
Kerlchen: „Aber in der Apotheke hab ich Traubenzucker bekommen, und bei der Ärztin zwei Tüten Gummibärchen!“
Vater: (Bekommt ein schlechtes Gewissen, weil die ökologische und pädagogische Bilanz des Vormittags bereits ins dunkelrote abdriftet, und die Buchverkäuferin sicher alles viel besser macht, so als Intellektuelle) „ICH hab das Buch bekommen. Kerlchen hat nix bekommen. Ist aber schon ok so.“
Kerlchen. „Warum ist das ok so? Soll ich nix bekommen?“
Verkäuferin: „Pixibiücher gibts da drüben: kosten nur 95 Cent.“
Kerlchen: „Pixibuch! Ich bekomme ein Pixibuch!“
Vater: „Also gut, aber nur eines!“

Vater und Kerlchen verlassen nach dem Bezahlen der siebenbändigen Pixi-Serie 734 „Märchen“ den Buchladen, um sich die erste Ladung Wurst in der Metzgerei abzuholen („Magst a‘ Radl Gelbwuascht?“ fragt der rotgesichtige Metzger mit dem Blut an den Armen, schneidet drei Finger dick ab und reicht sie mit der zum Fürchten spitzen Fleischgabel rüber). Bevor wir den Edeka erreichen rülpst Kerlchen vernehmlich, was aber auch gut ist. Denn Luft im Bauch stört, wenn es das zweite Radl Gelbwurst gibt, und eine weitere Tüte Süsskram an der Kasse (mit der blitzschnellen Überraschungsbewegung auf den Tresen vor Kerlchens Augen geknallt.) „Da, für Dich“; 1…2 …3… wirken lassen…4…5….6… und nach gefühlten vier Minuten den Halbsatz zum Vater hin gewendet: „ … wenn ich dem Kind was geben darf.“

Ich glaube es gibt ein Haribo-Trainingslager, in dem diese überraschenden Bewegungen geübt werden, wie lange man die entschuldigenden Sätzen zu den Eltern zurückhalten kann, wann der unschuldigen Augenaufschlag kommen muss, und wie beleidigt der unter Umständen geforderte Rückzug der Süssware erfolgen kann, auf das noch mehr Zwietracht zwischen Vater und Kind gesät werden wird.

Jetzt noch eben Laugencroissants holen. Die Stimmung ist durch das Anstehen bereits leicht angeheizt. Es ist die einzige Münchner Großbäckerei, die einerseits dufte Öko-Brot verkauft, andererseits es auf rätselhafte Art und Weise schafft, irrsinnige Schlangen im Laden zu produzieren. Ich also mit dem leicht grünlichen Kind auf dem Arm in der Schlangen, und zische der mir bereits bekannte Verkäuferin, Absolventin mit Auszeichnung des Haribo-Trainingscamps 1987, zu: „Ich will genau das, was ich auch bestelle. SONST NIX.“ Aber so etwas quittiert eine langjährige Verkäuferin mit einem Lächeln, das soviel sagt wie „Ich hab schon mehr Kinder mit Gummibären vollgestopft, als du je in deinem gesamten Leben zu den Geburtstagen Deines Kindes einladen wirst. Du Wurm.“

Erst zahle ich siegesgewiss, und nehme mit der freien Hand noch die Tüte mit den Laugencroissants (heissen in der Hofpfisterei „Bayerncroiassants“), als fast im Rausgehen, also kurz vor der vollendete Drehung zur Tür hin, also in der allerletzten Sekunde, der allerallerletzten Sekunde die zuvor noch zur Faust geballte Hand der Verkäuferin aufgeht, und vieleviele buntebunte Traubenzucker (die gesunden) auf den Tresen purzeln, ein Großteil bleibt liegen, ein anderer Teil fällt mit leisem Klacken auf den Boden.

Die Schlange erstarrt. Stille in der Hofpfisterei. Unterbrochen nur vom leisen Klacken der letzten, der allerletzten herunterfallenden Traubenzucker. Kerlchen starrt mit weit aufgerissenen Augen auf den farbigen Haufen, die Schlange auf mich, ich auf die Verkäuferin.

„HA!“ brülle ich, „HA! Hab ich es nicht gesagt? NUR! WAS! ICH! AUCH! BEZAHLE!?“ und „KIND! GRIFFEL WEG! DIE SIND VERGIFTET. VON DER HEXE DA VERGIFTET! NIMM SIE NICHT!“

Ich weine ein bisschen, als mit der andere Vater auf die Schulter schlägt. Sein Kind trägt ein bedrucktes T-Shirt. Auf dem steht:

„Ich darf nix nehmen. Meine Religion verbietet es meinen Eltern und mir. Leider.“

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