Mario Pommes kommt in den Kindergarten

Jetzt wird es Zeit ein paar Geheimnisse um Kerlchen zu lüften. Andernfalls vollzieht der Leser die Tragweite der folgenden Ereignisse kaum nach.

Wir leben seit einigen Jahren (auf den Tag fast genau 5 Jahre und neun Monate) in jener Münchener Straße, an deren hinterem Ende der eine wirklich große Fußballclub der Stadt, des Landes, nein, der Welt seinen Sitz hat, der FC Bayern. Auf der anderen Seite ist das 60er Stadion, und irgendwo nicht weit von hier das 60er Trainingsgelände. Neben dem Bayern-Trainingsgelände ist ein Kindergarten. Seit einem Jahr. Seit neun Monaten ist Kerlchen dort.

Wir wussten nicht, wo wir hinziehen. Also die Strasse haben wir uns schon angeschaut, übersahen aber nicht, welche Konsequenzen das haben würde, in den fußballerischen Brennpunkt der Region zu ziehen. Schon gar nicht für Kerlchen, vom dem damals nicht die Spur zu sehen war.
Das unseren Straße anders war als andere, merkte ich samstags. Erst stehen an den U-Bahnaufgängen kleine Gruppen von Menschen, die auf Stadtpläne schauen, und suchend auf die Orientierungsschilder im Untergeschoss blicken.

Meistens vierköpfig, oft Familien, ab und an vier Männer, selten mehrere Frauen. Aber alle haben diesen suchenden Blick. Damals waren diese Leute neu für mich. Heute rufen ich ihnen schon von Ferne zu: „Zweite Treppe rauf, links halten, in die Straße rein, und etwa 15 Minuten zu Fuß geradeaus. Dann seht ihr es schon.!“ Das spart uns allen Zeit: Denn die normale Variante
„ Ähh… Ent… Entschuldigung.“
„Ja?“
„Stimmt, es dass hier… das…  ääh.. Trainingsgelände … ist?“
„ Ja, Stimmt. Zweite Treppe rauf, links halten, in die Straße rein, und etwa 15 Minuten zu Fuß. Dann seht ihr es schon!“

Kann man eben gut abkürzen.

Später, am Nachmittag, kommen diese Gruppen dann in Heerscharen zurück: behängt mit Schals, in den Hände die FCB-Tüten, und ein irgendwie verklärter Gesichtsausdruck kombiniert mit einem locker schwingende Gang in Mimik und Gestik der Väter und Söhne.  Das ist der harmlose Teil.

Dann jener Tag, an dem zum ersten Mal “..seit … seit … ich hier Bier trinke“ wie der Stammgast aus der Eckkneipe genau umreisst, kommt. der Stammgast sieht aus, als würde dieser Zeitraum etwa 145 Jahre beschreiben.

Jetzt steht er mit seinem Bier und anderen Gästen vor der Eckkneipe, und sieht zu, die die Polizei die Rüpel wieder einsammelt, die sie zuvor bei der großen Hatz gepackt, und mit Kabelbindern an die Regenrinnen der Häuser gefesselt hatte. Irgendwie war ein Protestzug von den einen Fans zum anderen Trainingsgelände, Treffen mit den gegnerischen Fans ein wenig aus dem Ruder gelaufen, und es gab richtig Randale (eben die schlimmste seit 145 Jahren) vorausgegangen.

So, da war schon ein bisschen was geboten.

Das Rudel der Festgenommen war am Ende groß, und die Jungens bildeten mit ihren Kabelbindern eine wilde Traube, die nicht nach Clubzugehörigkeit eingeteilt war. Was für ein Durcheinander.

Dann der Tag an dem wieder irgendein Spiel irgendeiner Liga (wir sind ein fußballferner Haushalt) im 60er Stadion stattfand, ich mit dem Kerlchen im Kerlchenwagen von einem Spaziergang zurückkam, und mich auf einmal umringt sah von schwarzgepanzerten riesenhaften Polizeihünen auf der einen, und wild brüllenden Fußballfans (rotgesichtig, verzerrte Gesichter, Mundgeruch) auf der anderen Seite. „Oh! Sowas, Nanu nanu, nun aber weg hier.“ Dachte ich noch, und verschwand ruckzuck wieder im U-Bahnuntergrund, und suchte einen anderen Ausgang.

Wir glaubten uns an das Leben in der Säbener Straße gewöhnt zu haben, tolerieren die Übertragungswagen, klingeln uns durch die Besuchertrauben auf dem Fahrradweg, kennen die dicke Frau, die unverdrossen jeden möglichen Tag über und über behängt mit FCB Devotionalien an der Tiefgarage ausharrt, um einen kurzen, verliebten Blick auf Mario Gomez (von dem ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, das er bei den Bayern spielt) oder auf Beckenbauer, oder auf wer weiss wen zu erhaschen. Inmitten der vielen anderen, die auf Autogramme spekulieren, ein Foto vom Vereinsgebäude machen, irgendetwas mit nehmen wollen vom Ruhm. Freuten uns, dass der FCB, der in unserem Kindergarten ein paar Plätze gebucht hat (mein Kerlchen geht mit dem Sohn der Sekretärin vom … Dingens … Bratwurstmaxe in den selben Flügel. Wahnsinn, was?) auch ein paar Weihnachtskugeln springen ließ bzw an den Baum hängt, der nun schön rot aussah.

Dann trafen ich die Mutter auf dem Spielplatz, sie erzählt, das die Kindergarten-Chefin ja wohl echter Bayern-Fan sei, weil sonst wäre der skandalöse Ausflug der Kinder rüber in das Bayerngebäude kaum zu erklären. Einige Tage später erzählt mir ein Vater in der U-Bahn, das er den von diesem Ausflug mitgebrachte Anstecker radikal von der Brust seines Kindes gerupft hat.

Und überhaupt, erzählte die Mutter weiter, habe die Kindergarten Chefin in ihrer Schublade rund 25 rote Bayern-Mützen, die die Kindergärtner dazu nutzen ihre Gruppe von anderen Kindergarten-Gruppen zu unterscheiden. Etwa im Zoo, wo es ja durchaus zu einer tierischen Durchmischung mit den Kindern aus etwa Haidhausen kommen kann. Den Kindergärtnerinnen aber ist dann klar: „Die roten Köppe gehören in die Säbener Straße.“ Guter Plan, finde ich als besorgter Vater.

Sie aber ist 60 er Fan.

Sie kaufte SOFORT zwei 60er Mützen für ihre Kinder.
Will heuer 60 er Weihnachtskugeln am Baum.

Ich schlage erstmal nach wer diese 60er sind, und schlage vor, neutrale, gesellschaftskonsensmässig anerkannte ADAC-Kugeln an den Baum zu hängen.

Einige Tage ist Ruhe, bis heute Kerlchen erzählt: „ Mario Pommes kommt in den Kindergarten und Schweinstreter“.

Was wird nun geschehen?

Die dicke, treue Frau in Rot, die immer an der Tiefgarage ausharrt, ist der Verzweiflung nahe, weil meiner Tochter etwas vor die Nase flattert, wofür sie (die Frau in Rot) wohl ihre rechte Hand geben würde. Und meine Tochter weiss noch nicht einmal, wer das ist, der sie da besuchen kommt, der Herr Pommes.

Der mittlerweile in zwei Lager gespaltenen Elternbeirat versucht die Kindergarten-Chefin in den Hasenbergl versetzten zu lassen.

Zwei Gruppen von Eltern prügeln sich im Garten des Kindergartens, die dritte Gruppe (der wir angehören) flankiert von den beiden netten Kontaktbeamten, die die Kinder noch wenige Tage zuvor beim Martinsumzug begleitet haben, sehen fassungslos zu

Ich versuche anstelle von millionenschweren Fußballern den ADAC-Präsidenten zu einem Referat über Verkehrssicherheit in den Kindergarten zu bekommen.

Mario Pommes versucht durch das Gebrüll der Fans, unterbrochen vom Gebrüll der anderen Fans zu erklären, warum die Kinder Fußballerinnen werden sollen.

Die Chefin vom Kindergarten hängt einen Zettel an der Eingangstür auf, der das Tragen von Fußball-Abzeichen, -Schals, -Mützen sowie Kaffeetassen ab sofort verbietet.

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